Koloniale Kriegsgefangene in Deutschland – deutsche Kriegsgefangene in den Kolonien

"Made in Germany"

"Französisch-englisch-russisch-belgisch-indisch-algerische-Arbeiter-Kolonie unter deutscher Leitung, oder: Made in Germany". Ansichtskarte, gelaufen als Feldpost im Dezember 1915. Sammlung Detlev Brum.

Bis zur deutschen Kapitulation 1918 waren in Dortmund viele hundert Kriegsgefangene im Arbeitsdienst untergebracht, zusammen mit den kriegsbedingten Zivilgefangenen sicherlich mehrere Tausend. Neben der Freilassung der belgischen oder französischen Kriegs- und Zivilgefangenen hatte der Arbeiter- und Soldatenrat im revolutionären Dortmund Ende 1918 auch für manch andere Kriegsgefangene zu sorgen und gab er am 3.12.1918 bekannt:

Auf Grund der Waffenstillstandsbedingungen sind alle im Stadtgebiet Dortmund befindlichen Staatsangehörigen Panamas, Kubas, Costa-Ricas, Siams, Liberias, Chinas, Brasiliens, Guatemalas, Nicaraguas und Haitis auf ihren Wunsch sofort in die Heimat zu entlassen.“

Die Freilassung der – in der Regel schlecht untergebrachten – russischen Kriegsgefangenen und ihre Rückkehr ins revolutionäre Rußland gestaltete sich politisch schwierig und auch 1921 befanden sich noch russische Kriegsgefangene in Dortmund, die – polizeiüberwacht – mittlerweile als freie Beschäftigte im Bergbau oder in Stahlwerken tätig waren.

"Der erste kriegsgefangene Kongoneger (auf dem Transport von Namur nach Deutschland)." Ansichtskarte, gelaufen im Juni 1915 als Feldpost (an einen früheren Arbeitskollegen). Sammlung Detlev Brum.  Gefangenentransporte mit afrikanischen Soldaten haben an allen Bahnhöfen für großes Aufsehen gesorgt, so auch in Dortmund, wo mehrfach spontane Massenversammlungen stattfanden und die Polizei die "öffentliche Ordnung" sicherstellen musste, damit das Rote Kreuz die Versorgungsarbeiten erledigen konnte.

"Der erste kriegsgefangene Kongon...r"

Die ersten Kriegsgefangenen kamen in Dortmund 14 Tage nach Kriegsbeginn am Südbahnhof an, ein Lazarettzug mit kriegsverletzten Gefangenen, darunter, als wäre es ein seltenes Tier, “ein Exemplar der afrikanischen Rasse“. Kriegsgefangene konnte man in Dortmund regelmäßig öffentlich “besichtigen” , die Arbeitsplanung für die Kriegsgefangenen in Dortmund sah jahrelang so aus wie zum Beispiel am 10. Mai 1915:

  • 30 Personen auf dem Mendespielplatz (Fredenbaum)
  • 20 Personen auf dem städtischen Platz zwischen Born- Schüchtermann- Alsen- und Stollenstraße
  • 20 Personen vor dem Kaiser-Wilhelm-Hain zwischen der Friedenstraße und Kronenstraße
  • usw.

Eine Reihe öffentlicher Plätze und Einrichtungen in Dortmund wurden seit Anfang 1915 von Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs errichtet u.a. der heutige Westfalenpark, Blücherpark, Fredenbaum. Die Mehrzahl der in Dortmund untergebrachten Kriegsgefangenen arbeiteten jedoch in der Stahl- und Eisenindustrie und im Bergbau.

Nach Zwischenstopp in Dortmund und der Versorgung auf Haupt- und Südbahnhof wurden die Kriegs- und Zivilgefangenen der Westfront weitertransportiert in die beiden großen Stammlager im Bereich des 7. Armeekorps, nach Münster oder Sennelager. Von dort kamen die Kriegsgefangenen ab Anfang 1915 in die regionalen Arbeitslager in Dortmund und Umgebung.

Weitere Informationen zu den Kriegsgefangenenlagern:

Am 10. Oktober 1918 befanden sich in den großen westfälischen Kriegsgefangenenlagern ca. 230.000 Kriegsgefangene. “Offizielle”, ständige Arbeitslager gab es in Dortmund und Umgebung u.a. im Eisen- u. Stahlwerk Hoesch A.G., im Eisen- und Stahlwerk Phoenix in Hörde, in der Westf. Eisen- u. Drahtwerke A.G. in Aplerbeck, in Kley, Barop und Schüren (Werkszugehörigkeit unbekannt), in Lünen-Brambauer (Arbeitslager Gewerkschaft Minister Achenbach) und in Castrop (Arbeitslager Zeche Graf Schwerin). Darüber hinaus gab es zahlreiche vorübergehende Arbeitslager, mehr oder weniger in allen Stahlwerken und Zechen der Region.

Die Arbeitskommandos wurden in Dortmund hauptsächlich in den Bereichen Berg- und Hüttenwesen, Landwirtschaft, Erntearbeiten, Gemüse- und Obstgärtnerei und gemeinnützige Arbeiten (Wegebauten, Flussregulierungen, Straßenverlegungen) eingesetzt. Im Februar 1915 kamen die ersten 70 Kriegsgefangenen zum Übertageeinsatz auf der Zeche Glückaufsegen bei Hörde, weitere 110 Kriegsgefangene auf der Zeche „Kaiser Friedrich“ der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hüttenaktiengesellschaft (im dortigen Bergmannsheim einquartiert) und 150 Gefangene in Mengede (Zeche Hansemann).

Der Einsatz von Kriegsgefangenen war in Gewerkschaften und SPD zunächst umstritten. Die örtliche SPD:

Wenn tatsächlich Arbeitermangel vorhanden ist und die Kriegsgefangenen nicht als Lohndrücker gegenüber den freien deutschen Arbeitern zum Vorteil der Zecheninteressen verwendet werden, dieser Vorteil vielmehr der Staatskasse zu fließt, so ist gegen eine solche Gefangenenbeschäftigung vom gewerkschaftlichen Standpunkte aus nichts einzuwenden.”

Kriegsgefangene als Lohndrücker gegen die einheimischen Arbeiter – diese Sorge hatte man sowohl in der französischen als auch in der deutschen Arbeiterbewegung. Facharbeitermangel herrschte übrigens nicht nur durch die Rekrutierung von Soldaten, sondern auch weil Arbeiter mit Migrationshintergrund ausgewiesen wurden, sofern sie aus Ländern der Kriegsgegner stammten. Schon am 13.08.1914 wurden ca. 1.000 Italiener aus Dortmund und Umgebung, die vielfach im Bergbau tätig waren, mit einem Sonderzug nach Italien deportiert. Russische Beschäftigte im Ruhrbergbau wurden polizeilich überwacht.

In (Dortmund-) Wickede wurden 80 Kriegsgefangene auf dem Gute des Besitzers Schorlemmer mit dem Ausroden von Baumstämmen beschäftigt. Die Arbeiter-Zeitung berichtet: “Zehn Landsturmmänner haben über diese Gefangenen zu wachen. Die Arbeitszeit geht von morgen 6 Uhr bis abends 6 Uhr mit zweistündiger Pause. Die Nachtruhe genießen die Leute auf dem Gutshofe. Die Anwesenheit der Gefangenen zieht natürlich viel Neugierige an, besonders die in der Umgegend wohnenden russischen Familien wollten gern ihren Landsleuten etwas zustecken. Dieses ist aber strengstens untersagt und wird von der Wachmannschaft auch nicht geduldet.” Mehrfach berichteten die Dortmunder Tageszeitungen über verbotene Hilfestellungen für Kriegsgefangenen, teils auch über Fluchthilfeplanungen; was davon Realität oder doch nur Propagandagespinst war, ist nicht bekannt.

Auf der Zeche “Wiendahlsbank” (Dortmund-Kruckel) wurden erstmals 110 Kriegsgefangene im unterirdischen Betrieb eingesetzt. Die Dortmunder Arbeiter-Zeitung schreibt daher im März 1915 zu den Vorbehalten, Kriegsgefangene im Bergbau unter Tage einzusetzen: “… ergibt sich für uns von selbst die Pflicht, daß wir uns um das Schicksal unserer gefangenen Gegner bekümmern. Sie werden ja jetzt die Arbeitsbrüder der heimischen Bergknappen und müssen deren Berufsleiden  teilen. Die persönlichen und wirtschaftlichen Interessen der Bergarbeiter, die fortgesetzt die Beachtung der weitesten  Öffentlichkeit gefunden haben, übertragen sich auch auf die neuen ausländischen Kameraden. Die Gewerkschaften hatten bei diesen Eingaben nicht nur die Lebensinteressen der heimischen Bergarbeiter im Auge, nein, auch die der eingestellten Gefangenen. Sie sind Menschen, meist Familienväter, und auch für sie bedeutet die betriebstechnische Sicherheit Lebens- und Gesundheitsschutz. Es ist doch im Steinkohlenbergbau üblich, bergunkundige oder fremdsprachige Arbeiter auf einzelne Kameradschaften zu verteilen, warum soll mit den Gefangenen eine Ausnahme gemacht werden.” Das sozialdemokratische Parteiblatt erinnerte auch daran, dass man schon 1870/71 französische und afrikanische Kriegsgefangene im Ruhr-Bergbau beschäftigt habe.

Die Arbeit im Bergbau wurde von den Kriegsgefangenen häufig abgelehnt. Selbst in dem nach Kriegsende herausgegebenen und vielfach beschönigenden Bericht “Der Kriegsgefangenen Haltung und Schicksal in Deutschland” heißt es: “Es muss zugegeben werden, daß die schwere Arbeit in den Bergwerksminen mit Recht bei den Gefangenen den größten Unwillen und herbe Bitterkeit erregte.”

Die nachfolgend gezeigten Propaganda-Ansichtskarten unterlagen – ebenso wie Abbildungen in Zeitungen und Illustrierten – der Zensur und boten in der Regel ein exotisierendes Bild von den Lagerinsassen. Ansichtskarten wurden aber auch von den Kriegsgefangenen als Lebenszeichen in ihre Heimat gesendet. Für diesen Zweck standen teilweise die gleichen Ansichtskarten zur Verfügung, die auch in Deutschland verwendet wurden. Die Zensurbehörden achteten darauf, dass Ansichtskarten eine gute Behandlung zeigten, auch um ein positives Deutschlandbild im feindlichen Ausland oder in den neutralen Ländern zu beeinflussen. Ansichtskarten wurden Teil der ideologischen Kriegsführung an der Heimatfront – in Deutschland wie in Frankreich.

Weitere Informationen und Ansichtskarten in Kürze

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Verwendete Quellen:

„Die Kriegsgefangenen in Deutschland“, Siegen-Leipzig-Berlin 1915

Wilhelm Doegen: Kriegsgefangene Völker, Band 1: Der Kriegsgefangenen Haltung und Schicksal in Deutschland. Berlin 1921

“Der Völkerzirkus unserer Feinde”. Mit einem Vorwort von Leo Frobenius. Berlin 1917

Jochen Oltmer: Kriegsgefangene im Europa des Ersten Weltkriegs. Paderborn 2006

Stadtarchiv Dortmund, Akten der Polizei-Verwaltung, Bestände 5/405, 5/406, 5/407

Arbeiter-Zeitung, Dortmund, 1914-1917

Westfälische Allgemeine Volks-Zeitung, 1918/1919

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