Der große (Kolonial-) Krieg und die Geburt der “Dritten Welt”

Die ikonografische Geburt der "Dritten Welt": "Ein gut genährter Ostafrikaner". Ansichtskarte, gelaufen 1916 als Feldpost. Sammlung Detlev Brum. Nicht gut genährt, sondern Hungerbauch. In Deutsch-Ostafrika kamen über 650.000 Zivilisten und indigene Träger ums Leben – das war gemessen an der Größe der Bevölkerung die weltweit höchste zivile Todesrate des Ersten Weltkriegs (Jörn Leonhard).

Die ikonografische Geburt der "Dritten Welt": "Ein gut genährter Ostafrikaner". Ansichtskarte, gelaufen 1916 als Feldpost. Sammlung Detlev Brum. Nicht gut genährt, sondern Hungerbauch. In Deutsch-Ostafrika kamen über 650.000 Zivilisten und indigene Träger ums Leben – das war gemessen an der Größe der Bevölkerung die weltweit höchste zivile Todesrate des Ersten Weltkriegs (Jörn Leonhard).

Dortmund im November 1918: Auf der ersten Volksversammlung nach Kriegsende stellte der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates, Adolf Meinberg, unter dem Beifall der Arbeiterinnen und Arbeiter in (Dortmund-) Hörde die Kriegsschuld fest:

Schuld an diesem Kriege ist das Bestreben der kapitalistischen Staaten nach mehr Kolonien

Wie kommt man denn darauf, werden vielleicht die Besucherinnen und Besucher zahlreicher Veranstaltungen und Ausstellungen zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs fragen und erst recht die Leserinnen und Leser der Bestseller-Bücher von Clarke und Münkler. Eine erste Antwort wäre: Das Septemberprogramm des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg am 9. September 1914 enthält die Kriegsziele der Reichsleitung zu Beginn des Ersten Weltkrieges, darunter: Ein geschlossenes deutsches Kolonialreich in Mittelafrika.

Die neu/alte deutsche Mainstream-Erinnerungskultur verweist auf das Versagen der Diplomatie am Vorabend des Weltkrieges und ignoriert den globalisierten Kampf um die strategischen Rohstoffe um 1914 und somit auch die Bedeutung der „kolonialen Räume“, zu denen nicht nur Afrika und Asien sondern auch Ost- und Südosteuropa zählten. Vergessen scheinen die kolonialen Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, vergessen der Einsatz von mehr als einer Million „People of Color“ an der Westfront und vergessen die afrikanischen und asiatischen Kriegsgefangenen in Deutschland.

"Gruss von der Musterung". Ansichtskarte, gelaufen im Juni 1915. Sammlung Detlev Brum. Mehr als eine Million kolonialer Soldaten und Kriegsarbeiter aus Afrika und Asien wurden an der Westfront eingesetzt. Praktisch von den ersten Kriegstagen an wurde der Krieg an der Westfront von deutscher Seite propagandistisch auch als "Kulturkrieg" oder "Rassenkrieg" inszeniert.

"Gruß von der Musterung"

Der Erste Weltkrieg wurde auf deutscher Seite medial auch als “Rassekrieg” mit kolonialen Vorzeichen propagiert; ein Vergleich mit französischen und britischen Darstellungen zeigt aber auch eine manchmal verblüffende gesamteuropäische Perspektive. Die einsetzende Bilderflut griff ältere koloniale Vorstellungen auf und radikalisierte sie (Bestialisierung, Verniedlichung usw.). Insbesondere über die schier unvorstellbar große Anzahl von Ansichtskarten – die damals ähnlich genutzt wurden wie heute Whatsapp – wurden die kolonialen Bilder und Vorstellungen bis in die kleinsten Dörfer transportiert. Der Erste Weltkrieg hinterliess in den Köpfen der Menschen nicht nur Ressentiments gegen die europäischen Kriegsgegner sondern in ganz besonderer Weise auch Weltbilder über die “kolonialen” Kriegsgegner, die in der “Schwarzen Schmach”-Kampagne, in populären süsslich-verkindlichten Darstellungen (Sarotti-Mohr usw.) und bei Vorstellungen über die spätere “Dritte Welt” aktiviert werden konnten und – wer weiß – bis heute wirken.

Die folgenden Unterseiten informieren über den vergessenen großen Kolonialkrieg … und was man darüber in Westfalen und Dortmund wusste. Die verwendeten historischen Ansichtskarten stammen aus den Privatsammlungen von Markus Kreis und Detlev Brum; sie zeigen die  ideologische Kriegsführung, die ikonografische Geburt der späteren “Dritten Welt” und ihren Beitrag zur chauvinistischen Verseuchung der Völker Europas.

Prof. Christopher Clark (Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog) führte in seinem Vortrag in Dortmund am 15.05.2014 aus, dass auch der italienisch-türkische Krieg in Libyen 1911/12 – der erste Krieg (auch) um Erdöl – zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs zählte, blieb dann aber ausschließlich bei der Diplomatiegeschichte und den schlafwandelnden Politikern. Wer auch immer vor Beginn des Ersten Weltkriegs “Schlafwandelte”, die Dortmunder Arbeiterbewegung tat es nicht: Schon viele Monate vor dem Beginn des Weltkriegs warnt die Dortmunder Sozialdemokratie vor dem bevorstehenden “großen Völkermorden“: Die Politik der Rohstoffsicherung auf den globalisierten Märkten um 1914 (z.B. Marokko-Krise und Eisenerz-Importe aus Marokko für die Dortmunder Eisenindustrie), die militärische Absicherung des Deutschen Reichs für die Großprojekte der deutschen Eisen- und Stahlindustrie (Bagdadbahn oder die die Große Venezuela-Bahn), der Krieg um die strategischen Rohstoffe in Tripolitanien: Eine Entwicklung, die aus Sicht der Dortmunder Sozialdemokratie zum Weltkrieg führen wird.

Die sozialdemokratische Dortmunder Arbeiter-Zeitung im Juni 1914 zu den Gefahren eines drohenden Weltkriegs: „Die Amerikaner auf den Philippinen? Die Franzosen in Tonkin und jetzt in Marokko? Die abgeschnittenen Hände der Untertanen des Kongokönigs Leopold von Belgien? Die Hunnentaten an Mord, Plünderung und Schändung in China? Die Throthasche Taktik der Deutschen in Südwest? Nicht Schande über diesen und jenen: Schande über das System des Kapitalismus, der Betrug und Gewalt zu Herren der Gesellschaft, der Imperialismus, der wilde Eroberungsgier und brutale Herrenmacht zu Herrschern des Erdballs gemacht haben.“

Fritz Henßler, Stadtbezirksvorsitzender der SPD-Dortmund-Nord und zugleich Vorsitzender des Dortmunder Vereins zur Förderung des internationalen Austausches fortschrittlicher Erfahrungen: “Schande über das System der Eroberung, des Massenmords, der Krieg, der Massenplünderung, die Kolonialpolitik genannt wird”. Bei den Anti-Kriegsdemonstrationen der SPD-Dortmund im Fredenbaum (-Park) Ende Juli 1914 führte der spätere Oberbürgermeister der Stadt Dortmund aus:

Kein Tropfen Blut darf den imperialistischen Profitinteressen geopfert werden. Nieder mit dem Kriege! Nieder mit Eroberungspolitik und Ausbeutung! Nieder mit der kapitalistischen Entartung, der chauvinistischen Verseuchung der Völker!“

"Gefangene Zuaven, die als Artisten bereits in Deutschland gastirten". Ansichtskarte, "militäramtlich genehmigt", gelaufen als Feldpost im Mai 1915. Sammlung Detlev Brum.  Falls die gefangenen "Zuaven" (oder eher Tirailleurs Sénégalais) tatsächlich bereits als Artisten in Deutschland waren, dann wohl im Rahmen von Völkerschauen, wie sie in Dortmund im Fredenbaum stattfanden. Wahrscheinlicher ist aber, dass mit der Ansichtskarte versucht wird, die afrikanischen Soldaten in der französischen Armee als Irreguläre abzuwerten und in die Kategorie der Schausteller und Völkerschauen einzureihen.

"Gefangene Zuaven, die als Artisten bereits in Deutschland gastirten".

Was wohl die Darstellerinnen und Darsteller der Somali-Völkerschau – schräg gegenüber in Sichtweite von Fritz Henßler – angesichts des Massendemonstrationen der Dortmunder Arbeiterbewegung gegen den imperialistischen Krieg gedacht haben mögen? Ob die kolonialkritische Dortmunder Arbeiterbewegung anschließend wohl das “Negerdorf” im Vergnügungspark besuchte?

Ob die nach Kriegsbeginn aus Deutschland ausgewiesenen somalischen Artisten und Schausteller vielleicht 1916 mit dem somalischen Bataillon nach Europa zurückkehrten, wo sie in Verdun, an der Aisne und in Malmaison kämpften und von seinen 2.100 Mann 500 getötet und 1.200 verwundet wurden? Als Kanonenfutter verheizt ging es den Somali nicht anders als den über eine Million Kolonialsoldaten aus Afrika und Asien auf westeuropäischen Schlachtfeldern, nicht anders als den Millionen People of Color, die für die europäischen Armeen auf den Kriegsschauplätzen in Afrika und Asien kämpften oder für Hilfsdienste zwangsverpflichtet wurden – und über deren Existenz in keiner der eurozentrischen Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg ein Hinweis zu finden war.

Der Erste Weltkrieg fand nicht nur in Verdun statt und führte nicht nur in Dortmund zu Hungerrevolten und Revolution:

  • Der große Krieg beginnt in eurozentrischer Geschichtsschreibung 1914 und endet 1918. Aus Sicht etwa der Rif-Kabylen endete der Krieg erst mit den Giftgasangriffen Mitte der 1920er Jahre.  Die militärische Niederschlagung der von den jeweiligen Kriegsgegnern entfachten oder unterstützten Revolten in Afrika und Asien endete teils erst Jahre nach dem Kriegsende in Europa.
  • Aus Herero- und Nama-Perspektive war das Kriegsende eine Befreiung von deutscher Kolonialherrschaft (allerdings auch nur ein Wechsel in eine andere Kolonialherrschaft). Den erstgetauften evangelischen Papua-Christen, führend an regionalen antikolonialen Widerstandsaktionen gegen die deutsche Kolonialherrschaft beteiligt, bot das Kriegsende die Möglichkeit der Rückkehr aus dem Exil.
  • Der Erste Weltkrieg zerstörte (auch) in Afrika vorhandene Infrastrukturen und hinterließ verwüstete, verseuchte, teils menschenleere Landschaften.
  • Die soziale Hierarchie der Kolonialgesellschaften und die rassistische Segregation wurde fortgeführt oder sogar verschärft (z.B. Apartheid in Südafrika).
  • Bei einigen kolonialen Soldaten provozierte die Kriegsteilnahme nationale und antikoloniale Vorstellungen. Andere Rückkehrer definierten sich als neue privilegierte Mittelschicht zwischen Kolonialregime und einheimischer Bevölkerung.
  • Der Erste Weltkrieg stellte den bis dahin gewaltigsten Globalisierungsschub dar. Die weltweite Kriegsökonomie umfasste neu auch die “Ränder der Welt”; Afrika, Asien und Teile Lateinamerikas wurden zum Menschen- und Rohstofflager für den Bedarf Europas. Das “Imperium der Schande” entstand und mit ihm der durch Exportorientierung verursachte Hunger.
  • Im Verlauf des Ersten Weltkriegs entstanden die ersten selbständigen christlichen Kirchen in Afrika und Asien, von denen manche zu Keimzellen späterer antikolonialer Unabhängigkeitsbewegungen wurden.
  • Die deutsche Kriegspropaganda erklärte den Krieg zum Kultur- und Rassekrieg. In Deutschland überdauerte das kolonialrassistisch geprägte Überlegenheitsgefühl den verlorenen Krieg und wurde schließlich im NS-Staat wiederbelebt.

Ein ehemaliger westafrikanischer Soldat, an der Westfront bei einem Giftgasangriff schwer verletzt, fasste auf einer (antikolonialen) Veranstaltung im Ruhrgebiet 1926 die Enttäuschung über das Ausbleiben der mit Kriegseintritt versprochenen rechtlichen Gleichstellung der kolonialen Soldaten in etwa so zusammen: Die Schwarzen seien für die Franzosen nur so lange Mitbürger gewesen, als man militärisch auf sie angewiesen war. Danach seien sie wieder zu N….n geworden. Den nach dem Krieg in Deutschland lebenden afrikanischen Soldaten und ihren Angehörigen erging es nicht anders.

„Sénégalais“. Carte Postale, beschriftet 1917. Sammlung Detlev Brum. An der französischen Offensive in der Champagne nahm auch das Zweite Kolonialkorps mit 35 westafrikanischen Bataillonen teil. Von den eingesetzten westafrikanischen Soldaten kamen 45% bei der Aktion ums Leben.

Im Krieg: Mit Orden ausgezeichnete westafrikanische Soldaten an der Westfront.

"Le retour au Pays!" (Die Rückkehr in die Heimat). Post Card, Lafayette Serie Nr. 011, Printed in France. Ansichtskarte, ungelaufen. Sammlung Detlev Brum. Ordensgeschmückt aus dem Weltkrieg zurück, mit einer Pickelhaube als Andenken. Durch die Kriegsteilnahme wurde keine rechtliche Gleichstellung erreicht, stattdessen wurde die kolonial-rassistische Trennung in der Heimat verschärft und in Ansichtskarten wurden die Kriegsteilnehmer als "dumme N...." verunglimpft.

Nach dem Krieg: Die Rückkehr in die Heimat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verwendete Quellen:

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. München 2014

Christian Koller: “Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt”. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914-1930). Stuttgart 2001

Arbeiter-Zeitung Dortmund, Sozialdemokratisches Organ für das östliche industrielle Ruhrgebiet. Jg. 1914

Dortmunder Zeitung, Jg. 1914

General-Anzeiger, Dortmund, Jg.1918

Westfälische Allgemeine Volks-Zeitung, Dortmund, Jg. 1918

Westfälischer Kämpfer, Dortmund, Jg. 1925-1926

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