Die beiden Kolonialkriege in China und Deutsch-Südwestafrika führten in Dortmund zu den ersten “antikolonialen” Aktivitäten der SPD. Zuvor allerdings galt es, die Arbeiterbewegung von der “Burensolidarität” abhalten.

Burensolidarität

Der Krieg zwischen Transvaal und England (Burenkrieg) führte in Deutschland zu einer großen pro-burischen Solidaritätsaktion. Die Sozialdemokratie tat sich in Dortmund schwer mit der Burensympathie, die seit 1898 bis in die Reihen der sozialdemokratisch gesinnten Industriearbeiterschaft hineinragte. Es galt, die Arbeiterbewegung vom alldeutschen Kurs abzuhalten.

Was die Buren für die Ureinwohner Afrikas sind, das sind die Nationalliberalen (Anmerkung: Die Regierungspartei) für die deutschen Arbeiter“,

war eins der typischen Argumentationsmuster, um klarzumachen, dass die Buren nicht die Sympathie der Arbeiterbewegung verdienten. Man möge nicht vergessen, dass

auf jeden Buren durchschnittlich zehn schwarze Sklaven oder „Diener“ entfallen“.

Später hieß es dann in Dortmund mit Blick auf die Waffenlieferungen der Fa. Krupp und der zahlreichen wirtschaftlichen Beziehungen auch Dortmunder Unternehmen mit Transvaal:

Es geht dieser Krieg zu Ende: von der Börse in Szene gesetzt und von der Börse programmmäßig ausgenützt. Und die Menschenopfer, die er gekostet hat, sind ein neuer Beweis dafür, wie herrlich es in dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung zugeht.“

 

Krieg in China

Die Dortmunder Sozialdemokratie agitierte scharf gegen den Krieg in China (sogenannter „Boxeraufstand“). Unter der Überschrift „Freiheitskrieg der Chinesen“ hieß es in der Dortmunder Arbeiterzeitung in Anlehnung an das deutsche „Pachtgebiet“ Kiautschou und den Bau der Schantung-Eisenbahn, der als Mitauslöser des Volksaufstandes gilt: Was würden wir dazu sagen,

wenn die Chinesen Schleswig-Holstein besetzten; wenn chinesische Unternehmer in Deutschland Eisenbahnen bauten und hierzu das Land ohne Entschädigung den Grundbesitzern raubten; wenn die chinesische Regierung in Berlin chinesische Truppen unterhielte und die deutsche Regierung in jeder Weise terrorisierte. Würde nicht ein Schrei der Entrüstung und Rache durch das Land hallen und ein heiliger Krieg gegen die Fremdenherrschaft gepredigt werden?“

In der sogenannten Hunnenrede Kaiser Wilhelms II am 27.07.1900 anlässlich der Ausreise des ersten großen deutschen Interventionsarmee nach China hieß es: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!“ In der Dortmunder sozialdemokratischen Arbeiterzeitung wurden sogenannte Hunnenbriefe veröffentlicht, die Zeugnis abgaben von der barbarischen „hunnischen“ Kriegsführung in China.

Bereits am 27. Juni 1900 lud die SPD-Dortmund zu einem Vortrag mit dem Genossen Paul Wolf zum Thema „Die neuesten Ereignisse in Ostasien“ ein. Die (derzeit) erste nachweisbare Informationsveranstaltung in Dortmund gegen Kolonialkriege.

Der sozialdemokratische Protest gipfelte in der ersten tatsächlich internationalen Maifeier in Dortmund. Im Aufruf zur Maifeier 1901 heißt es:

Wir protestieren am 1. Mai gegen die hunnische Barbarei! In diesem Jahre unserer zwölften Maifeier, wo wir im Zeichen des Hunnenthums stehen, muß unsere internationale Demonstration für die Verbrüderung der Arbeiter aller Länder an Macht und Eindruck alle früheren Maidemonstrationen übertreffen.“

In den sieben Abendveranstaltungen wurde daraufhin in Dortmund am 1. Mai 1901 folgende Resolution angenommen:

Die Versammelten protestieren gegen die unsinnige Weltpolitik, die zu den verbrecherischen Raub- und Rachekriegen in Südafrika und China geführt hat.“

Die Analyse der Sozialdemokratie in Dortmund lautete:

Der Kapitalismus sucht in China, wie er es in Transvaal gethan hat, das Tempo der kapitalistischen Entwickelung zu beschleunigen. Der Krieg gegen die Buren war ein Verbrechen; der Krieg gegen China ist die Folge von Verbrechen.“

Übrigens wurde auch anlässlich der Rückkehr der Kriegsfreiwilligen in Dortmund kräftig polemisiert: Syphiliskranke Soldaten, die keine Arbeit finden, weil Unternehmen sich davor scheuen, die Kriegsverbrecher einzustellen.

 

Krieg in Deutsch-Südwestafrika

Der Deutsch-Namibische-Krieg in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) brach Anfang 1904 aus. In seinem Verlauf wurde neueste deutsche Waffen- und Nachrichtentechnologie eingesetzt und eine genozidale Kriegsführung praktiziert, der bis zu 80% der Herero und 50 % der Nama zum Opfer fielen.

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung stellt sich gegen den Krieg auf. Im Demonstrationsaufruf zum 1. Mai 1904 heißt es:

“Gegen die deutsche Kapitalistenpolitik in Südwestafrika mit ihren blutigen Opfern demonstrieren wir an diesem ersten Mai”.

Die SPD-Dortmund sprach der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion für ihr Verhalten bei der Abstimmung zur Kolonialfrage ihren Dank aus. Sie hielt es für selbstverständlich, dass für

Taten, wie sie in den heutigen Kolonien verübt worden sind, unter keinen Umständen die Steuergroschen des deutschen Volkes bewilligt werden dürfen“.

Die SPD gewann in Dortmund die Reichstagswahl 1907 mit der Wahl-Parole “Gegen die Tollheit der deutschen Kolonialpolitik“. Sie führte dazu einen kolonialkritischen Wahlkampf mit 28 Volksversammlungen im ganzen Stadtgebiet unter dem Motto:

Keinen Groschen für die verbrecherischen Kolonialkriege”!

Nach Ende des Krieges schreibt die Dortmunder Arbeiterzeitung mit Verweis auf den Vernichtungsbefehl: „Die Hereros sind zum größten Teil ausgerottet“. Oder: „Es ist grauenhaft, wie die Eingeborenen jeglicher Rechte in ihrem eigenen Lande beraubt werden. Und dann wird der Welt weis zu machen versucht, man wolle jenen Völkern Kultur bringen. Wer will es den Eingeborenen verdenken, wenn sie zum Wanderstabe greifen, nach den englischen Kolonien auswandern.

Man kann es ihnen nicht einmal verdenken, wenn sie bei nächster Gelegenheit wiederum in heller Rebellion sich gegen die deutschen Unterdrücker und Peiniger wenden.“

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