Halbmondlager und Weinberglager

"Liebe Elise! Übersende Dir hiermit eine Ansicht von verschiedenen Gefangenen, dies hier zu sehen gibt."

"Liebe Elise! Will nur schnell ein Lebenszeichen von mir hören lassen u. übersende Dir hiermit eine Ansicht von verschiedenen Gefangenen, dies hier zu sehen gibt." Ansichtskarte "Gefangenenlager Zossen-Wünsdorf. Mohammedaner". Gelaufen von Zossen als Feldpost im August 1918. Sammlung Markus Kreis.

 

Neben Durchgangslagern, Arbeitslagern, Stammlagern und Sammellagern gab es im Verlauf des Ersten Weltkriegs auch sogenannte “Sonderlager”, wozu, neben Lagern für Iren, Schotten, Flamen und Ukrainern, auch das “Weinberglager” in Zossen (für muslimische Gefangene der russischen Armee) und das “Halbmondlager” in Wünsdorf (für afrikanische und indische Muslime) zählen. Allerdings wurden dort auch Sikhs und Hindus aus Indien untergebracht.

Halbmondlager und Weinberglager waren Propagandalager, deren Insassen eine Vorzugsbehandlung erfuhren. Bei der Versorgung mit Lebensmitteln wurden etwa religiöse Besonderheiten berücksichtigt und 1915 wurde die eine Moschee zur Religionsausübung erbaut. Die Möglichkeiten zur Bildung, sportlicher Betätigung und Freizeitgestaltung waren umfangreicher als in anderen Lagern. Diese Vergünstigungen sollten den Gefangenen das Bild eines (islam)freundlichen Deutschlands vermitteln.

Die beiden Lager waren eingebettet in die deutsche Revolutionierungsstrategie der muslimischen Gebiete der gegnerischen Kolonialmächte. Unter den ca. 17.000 Gefangenen wurde gezielt deutschfreundliche Propaganda organisiert, um möglichst viele von ihnen dazu zu bewegen, die Seiten zu wechseln und mit den deutschen Verbündeten in der osmanischen Armee zu kämpfen.

Die deutsche Bevölkerung war seit Kriegsbeginn mit der Kolonialtruppenproblematik konfrontiert. Neben der Verteufelung der Kolonialsoldaten (“Turkos”) in der gegen die Westmächte gerichteten Propaganda trat schon bald die Popularisierung der gegenüber den muslimischen Kriegsgefallenen betriebenen Vorzugsbehandlung, die in Deutschland nicht unumstritten war. Um bei der deutschen Bevölkerung die Akzeptanz der gegenüber den muslimischen Kriegsgefangenen verfolgten Politik zu fördern, wurden Flugblätter für die Verbreitung im Inland gedruckt, zwei Filme über das Lager Wünsdorf-Zossen gedreht, Berichte in Tageszeitungen und Illustrierten veröffentlicht (einschließlich der pro-kolonialen Presse) und natürlich auch Ansichtskarten erstellt, die insbesondere von Rekruten versendet wurden.

Die nachfolgenden Propaganda-Ansichtskarten aus den muslimischen Gefangenenlagern stehen mitunter im Gegensatz zu den älteren Kriegsdarstellungen auf Ansichtskarten der (muslimischen) “Turkos” von der Westfront. “So wurden in der deutschen Propaganda nicht selten die eben noch als mordlüsterne Bestien beschriebenen Kolonialsoldaten unvermittelt zu armen, ausgebeuteten Kreaturen, die auf dem Schlachtfeld dem Grössenwahnsinn der Westmächte geopfert wurden und deren Völkern die Deutschen nichts sehnlicher wünschten als die Befreiung vom kolonialen Joch” (Christian Koller).

Weitere Informationen und Ansichtskarten in Kürze

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Verwendete Quellen:

Gerhard Höpp: Muslime in der Mark: Als Kriegsgefangene und Internierte in Wünsdorf und Zossen, 1914 – 1924 (Studien / Zentrum Moderner Orient Berlin, Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin e.V. ; 6), 1997

Christian Koller: “Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt”. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914-1930). Stuttgart 2001

“Die Kriegsgefangenen in Deutschland”, Siegen-Leipzig-Berlin 1915

Wilhelm Doegen: Kriegsgefangene Völker, Band 1: Der Kriegsgefangenen Haltung und Schicksal in Deutschland. Berlin 1921

Der Völkerzirkus unserer Feinde. Mit einem Vorwort von Leo Frobenius. Berlin 1917

 

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