Dortmund war seit Ende der 1870er Jahre eine frühe Hochburg der deutschen Kolonialbewegung und galt 1936 als „Hauptstadt des kolonialen Sehnens“. Deshalb ist es erstaunlich, dass in Dortmund nur wenige Straßenbenennungen mit explizit kolonialistischer Intention zu verzeichnen sind. Wie sieht es aus mit der kolonialen Gedächtniskultur in Dortmund? Und was ist mit der Nettelbeck- und der Speestraße?

Die Walderseestraße - benannt nach dem Oberbefehlshaber des Krieges in China.

Die Walderseestraße - benannt nach dem Oberbefehlshaber des deutschen Raub- und Rachekrieges in China.

 

Die Namensgebung einer Straße oder eines Gebäudes nach Personen wird als öffentliche Würdigung und Ausdruck der Hochachtung der oder dem Bezeichneten gegenüber verstanden. Sie ist ein Verwaltungsakt, in dem politische Motive eine Rolle spielen können. Straßennamen sind angesichts ihrer Funktion und Geschichte historische Quellen.

Politisch motivierte (Um-)Benennungen von Straßen, Plätzen oder öffentlichen Gebäuden erfolgten selten einmütig. Für die Mitglieder des Gemeinderats in Körne war es 1904 politisch korrekt, in Erinnerung an die „China-Wirren“ noch kurz vor der Eingemeindung nach Dortmund eine Straße nach Feldmarschall Waldersee zu benennen. Die SPD und die freien Gewerkschaften hingegen protestierten am 1. Mai 1900 gegen den imperialistischen Rachekrieg und die Massaker an der Zivilbevölkerung, die unter dem Oberbefehlshaber der alliierten Truppen, dem „Welt-Marschall“ Waldersee, in China stattfanden. Noch heute ehrt Dortmund mit einem Straßennamen eine Person, die man in Kontext verbrecherischer Kolonialkriege sehen muss.

Auf Antrag der SPD erfolgte 1922 eine Umbenennung der an die monarchistische Staatsverfassung erinnernden Straßen und Plätze in Dortmund. Der Berichterstatter der SPD, Stadtverordneter Klupsch, nannte auch einige Vorschläge: Rathenau, Erzberger und Hans Paasche, der sich 1919 als erster für die Unabhängigkeit der „Kolonialvölker“ aussprach und prompt ermordet wurde. Die Monarchisten, deutsch-völkischen Demokratiefeinde und Antisemiten demonstrierten in Dortmund heftig gegen die Umbenennungsvorschläge, verhinderten die Umbenennung der Kaiser-Wilhelmallee in „Bebel-Allee“ und die Benennung einer Straße nach Hans Paasche, konnten aber den Umbenennungen in „Erzbergerstraße“ oder „Rathenauallee“ nichts entgegen setzen.

In Dortmund wurden nach 1945 im Rahmen der Entnazifizierung weitgehend konsequent Straßen, Schulen und Plätze umbenannt: Aus der Adolf-Hitler-Allee wurde die Hainallee, aus der Straße der SA die Hohestraße und aus dem Horst-Wessel-Platz der Nordmarkt. Im gleichen Zuge wurden Straßen und Schulen, die nach Personen benannt waren, die mit der Geschichte des deutschen Kolonialismus, mit aggressiver imperialistischer Politik und mit rassistischer Ideologie verbunden sind, umbenannt. Historische koloniale Symbolfiguren wie Peters, Wissmann, Nachtigal oder die kolonialen Nazi-Ikonen wie von Epp und Maercker verschwanden so wieder aus dem öffentlichen Raum. Vermutlich gab und gibt es in Dortmund im Unterschied zu anderen Städten des Ruhrgebiets auch keine kolonialen Denkmale und Gedenktafeln.

Im Prozess der Entnazifizierung blieb in Dortmund jedoch – über Waldersee hinaus – ein kolonial inspirierter Straßenname unantastet. Ein zweiter Name wurde in den 1970er Jahren erneut geehrt, obwohl er 1945 bereits getilgt wurde.

Die Nettelbeckstraße wurde – warum auch immer, vielleicht hatte man es einfach übersehen – nach 1945 nicht umbenannt. Nach Joachim Nettelbeck (Sklavenschiffkapitän, früher Kolonialpropagandist und „Verteidiger Kolbergs“ 1807) wurden Straßen und Plätze in Deutschland in der Regel zwischen 1936 und 1945 benannt, angeregt durch NSDAP-Ortsgruppen und/oder Marine- und Kolonialvereine. Nettelbeck wurde erst in der Nazi-Propaganda zu einer Ikone aufgebaut, blieb aber bei der Entnazifizierung des öffentlichen Raums in vielen Städten unangerührt.

Die Speestraße wurde nach Admiral Maximilian Reichsgraf von Spee (1884 Wachoffizier auf dem Kanonenboot “Möwe”, das der kolonialen Eroberung Togos diente. Später Kommandeur des Ostasiengeschwaders, das zuständig für die militärische Herrschaftssicherung in Kiautschou (China) und auf den diversen Südseeinseln in deutschem Besitz war. Verantwortlich für den Untergang des Ostasiengeschwaders vor den Falklandinseln im 1. Weltkrieg) erst in den 1970er Jahren (07.12.1970 oder 1975) benannt. Das ist allein schon deshalb bemerkenswert ist, weil die SPD damals in der Nordstadt satte Mehrheiten von weit über 60 Prozent erhielt und scheinbar vergessen hatte, dass sie selbst 1945/1946 die Umbenennung der Graf-Spee-Schule und des Falklandwegs (heute „Auf der Wittbräucke“) veranlasste. Benennungen nach Spee und den Falklandinseln sind typische militaristische und kolonialistische Ehrenbezeugnisse zwischen 1933 und 1945; nach 1945 wurden sie nicht nur in Dortmund sondern auch in Bochum, Bottrop, Castrop-Rauxel, Emsdetten, Rheine, Plettenberg oder Recklinghausen umbenannt.

Die Bezirksvertretung Innenstadt-Nord hat im Dezember 2020 eine Umbenennung der Nettelbeckstraße und der Speestraße beschlossen, nachdem dies im Jahre 2014 trotz Empfehlung des Stadtarchivs nicht zustandekam. Wie sollen die Straßen umbenannt werden?

Statt des Sklavenwirtschaft- und Kolonialsystem befürwortenden Nettelbeck vielleicht nach Nelson Mandela, dem Kämpfer gegen Apartheid und für koloniale Unabhängigkeit?

Statt des von den Nazis verherrlichten Militaristen und Kolonialbefürworters Admiral Spee vielleicht den Pazifisten und Kolonialgegner Kapitänleutnant Hans Paasche oder die Reichstagsabgeordnete Luise Zietz, engagierte Antirassistin und Antikolonialistin?

In fast allen Städten des Ruhrgebietes lassen sich Straßennamen finden, die Akteure oder Ereignisse des deutschen Kolonialismus würdigen. In Bottrop gibt es z. B. eine Karl-Peters-Straße, eine Wissmannstraße und eine Lüderitzstraße, die damit an drei der bedeutendsten “Kolonialpioniere” – wie es im Nazi-Jargon beschönigend heißt – erinnert. In Bochum wurden hingegen 1998 nach Bürgerprotesten die Wissmann-, Lüderitz- und Petersstraße umbenannt. In Gelsenkirchen zeugen bis heute die Tangastraße an den Kolonialkrieg in Deutsch-Ostafrika und die Waterbergstraße an den Beginn der genozidalen Kriegsführung in Deutsch-Südwestafrika. In Duisburg und Essen gibt es jeweils über zehn Straßennamen mit Stationen der Kolonialverbrechen.

Über Straßennamen hinaus sind im Ruhrgebiet nur wenige koloniale Erinnerungsorte erhalten geblieben. In Herne erinnert bis heute eine Gedenktafel einseitig an die aus Herne stammenden und im Deutsch-Namibischen-Krieg gefallenen Kolonialsoldaten. Die mit einigem propagandistischen Aufwand gepflanzten Kolonialeichen und Gedenksteine für die Kolonien (z.B. in Gladbeck und in Gelsenkirchen-Buer) gelten als verschollen.

Koloniale Bezüge in Dortmunder Straßennamen – heute

In Dortmund haben nur die Walderseestraße, Nettelbeckstraße und Speestraße einen kolonialen Erinnerungsgegenstand. Darüber hinaus haben einige weitere Straßen und Plätze koloniale Konnotationen, weil sie auf Personen verweisen, die sich auch kolonialistisch betätigt haben. Bei der Suche nach kolonialen Bezügen in Dortmunder Straßennamen ist Vorsicht geboten. Einige Namen mit scheinbarem Kolonialbezug haben bei näherer Betrachtung eine Entstehungsgeschichte ohne Kolonialbezug – oder der Kolonialbezug kann nicht belegt werden. So steht etwa die Petersgasse in der Innenstadt nicht für den berüchtigten Kolonialverbrecher Carl Peters, sondern ist auf eine weitaus ältere Namensgebung zurückzuführen. Der Vogelsangskamp verweist auf Natur und Vögelgezwitscher, aber nicht auf Heinrich Vogelsang, „Erwerber“ von Landstrichen im heutigen Namibia und eine der Galionsfiguren der Kolonialbewegung.

Walderseestraße
Benannt nach Generalfeldmarschall Waldersee ist die Walderseestraße in der östlichen Innenstadt/Körne eine explizit kolonial inspirierte Straßenbenennung. Bereits im Adressbuch der Stadt Dortmund von 1905 steht schönfärberisch: „Oberbefehlshaber in China während der Chinawirren“. „Chinawirren“ heißt: Der erste imperialistische Kolonialkrieg im großen Stil, der mit regulären Armeeeinheiten geführt wurde. Waldersee, der „Weltmarschall“ – weil er als Oberbefehlshaber der alliierten europäischen Mächte sowie der USA und Japans fungierte. Die Besonderheit: Sogenannte „Strafaktionen“ weit nach Abschluss der eigentlichen Kampfhandlungen, verbunden mit Gemetzel an der Zivilbevölkerung.

Bismarckstraße
Reichskanzler Otto von Bismarck stand kolonialen Projekten zeitweise ablehnend gegenüber. Er berief die Afrika-Konferenz 1884/85 in Berlin ein, auf der Afrika unter den konkurrierenden Imperialmächten aufgeteilt wurde. Fast alle der deutschen Kolonien wurden in seiner Amtszeit in Besitz genommen und zu “Deutschen Schutzgebieten” erklärt.

Hansemannstraße/ Zeche Hansemann
Benannt nach Adolph von Hansemann, Geschäftsführer der Disconto-Gesellschaft, der größten Privatbank des Deutschen Kaiserreiches (Vorläufer der Deutschen Bank). Bereits vor Beginn des formalen deutschen Kolonialismus in Neuguinea tätig, „half“ er u.a. die Inbesitznahme eines Teils von Samoa durch Deutschland vorzubereiten (Samoa-Vorlage) und war später an nahezu allen kolonialen Großprojekten beteiligt. Über die Geschäftsbeziehungen mit Hansemann war auch die Dortmunder Schwerindustrie an kolonialen Projekten v.a. in China und Deutsch-Neuguinea beteiligt.

Hosbachstraße
Benannt nach Wilhelm Konrad Hosbach, geb. 1867 in Dortmund-Aplerbeck, gest. 1964. Seit 1900 in Lutindi, Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und insgesamt über 50 Jahre als Diakon und Missionar in Usambara tätig, u.a. in der sogenannten “ersten kolonialen Irrenanstalt”. Straßenbenennung „Hosbachstraße“ im Jahre 1967.

Karolinenstraße
Benannt nach der deutschen Kolonie in der Südsee? Die Karolinen, Archipel in Mikronesien, wurden 1899 von Spanien an Deutschland verkauft.  Oder doch nach einer Adligen, Heiligen oder einer Tochter eines Bergwerksbesitzers? Leider sind dazu keine Angaben im Stadtarchiv vorhanden.

Konrad-Adenauer-Allee
Benannt nach dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Eher unbekannt: 1927 erklärte er als Kölner Oberbürgermeister: “Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung.“ Von 1931 -1933 war Adenauer stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft: “Unerbittlich fordern wir Deutschlands Recht auf eigene Kolonien.

Moltkestraße
Benannt nach Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke, einem bedeutenden Kolonialpropagandisten und begeisterten Anhänger von Carl Peters, des „Kolonisators“ Deutsch-Ostafrikas (heute Tansania).
Weitere Informationen finden Sie in freiburg-postkolonial

Nettelbeckstraße
In der Nähe des Dortmunder Kanalhafens gelegen ist die Nettelbeckstraße benannt nach Joachim Nettelbeck, der als Kapitän niederländischer Sklavenschiffe am Menschenhandel beteiligt war und jahrzehntelang als Kolonialpropagandist noch weit vor Beginn des deutschen Kolonialismus wirkte. In der NS-Zeit hochgeehrt. Die Benennung erfolgte, so die Unterlage des Stadtarchivs, für den “heldenmütigen Verteidiger der kleinen Festung Kolberg gegen die Franzosen 1807″. Weitere Informationen zu Nettelbeck finden Sie in auf den Internetseiten von “Decolonize Erfurt” und dort auch eine Online-Petition für die Umbenennung des Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer.
Informationen zu Nettelbeck finden Sie in Decolonize Erfurt

(Obere und Untere) Pekingstraße
Eine Straßenbenennung – wie ein Schürener Chronist annahm – in Erinnerung an den sogenannten Boxeraufstand in China? Die Gegend soll früher Klein-Peking oder Boxerviertel geheißen haben – im Volksmund. Gut möglich, zumal Heinrich König aus Schüren bei der „Belagerung der Gesandtschaft in Peking“ am 13.07.1900 verwundet wurde und darüber eine gewissen regionale Bekanntheitgrad erhielt. Gegen die Annahme spricht der Eintrag im Straßenverzeichnis 1938: Peckingstraße, und damit vielleicht nach dem Bauern Pecking benannt?

Robert-Koch-Straße/ Robert-Koch-Schule
Die Robert-Koch-Straße/Schule ist nach dem Arzt, Bakteriologen und Nobelpreisträger Robert Koch benannt. Seinen medizinischen Leistungen steht jedoch auch das düstere Kapitel der Menschenversuche in den damaligen deutschen und englischen Kolonien gegenüber.
Informationen über Robert Kochs Forschungspraxis zur Schlafkrankheit im kolonialen Ostafrika finden Sie in Freiburg-postkolonial

Speestraße
In der Nähe des Dortmunder Kanalhafens gelegen, wurde die Straße nach Maximilian Reichsgraf von Spee benannt, Vizeadmiral und Oberbefehlshaber des deutschen Ostasiengeschwaders zu Beginn des 1. Weltkriegs. In der Schlacht bei den Falklandinseln gefallen und später von den Nationalsozialisten hoch verehrt. Straßenbenennungen nach Spee und Falkland sind typische Ehrenbekundungen im Nationalsozialismus und wurden nach 1945 erneut umbenannt, so in Dortmund die Graf-Spee-Schule. Da überrascht es dann doch, dass die Speestraße  erst am 07.12.1970 (oder 1975) nach Spee benannt wurde.
Informationen zu Admiral Graf Spee finden Sie in Freiburg-postkolonial

Wagenfeldstraße
Benannt nach Karl Wagenfeld, Mitbegründer des Westfälischen Heimatbundes, der u.a. schrieb: “Neger, Kaffern und Hottentotten sind Halbtiere, Fremdrassige sind Volksverderber und Schädlinge, Menschen in ‘Krüppel- und Idiotenanstalten’, in Fürsorgeheimen und Strafanstalten sind körperlich und geistig Minderwertige.”

Wilhelmstraße
Benannt nach Kaiser Wilhelm I., der die deutschen Kolonisierungsprojekte protegierte bzw. durchführte. Unter seiner Herrschaft wurden Togo, Kamerun, “Deutsch-Südwestafrika”, “Deutsch-Ostafrika”, Kaiser-Wilhelmsland (Neu-Guinea) und die vielen pazifischen Inseln annektiert. In der Zeit seines Nachfolgers Wilhelm II. wurden noch Kiautschou in China, die Karolinen, Samoa und Teile von Französisch-Kongo hinzugefügt.

 

Antikoloniale Bezüge in Dortmunder Straßennamen

Einige Dortmunder Straßennamen erinnern übrigens auch an Personen, deren politisches Wirken untrennbar mit Kolonialkritik und Antikolonialismus verbunden sind:

Bebelstraße
August Bebel, Vorsitzender der SPD und Gegner der “kapitalistischen Kolonialpolitik”. Veröffentlichte fortgesetzt die Kolonialskandale, thematisierte sie im Reichstag und trug wesentlich zur Entlassung und Verurteilung von Carl Peters bei. August Bebel in Dortmund: “Gründet Antisklavereivereine für Deutschland und helft die Millionen von Lohnsklaven aus den Banden der modernen Sklavenbarone, der Schlot- und Krautjunker befreien. (…) Wenn wir hier einmal die Knechtschaft abgeschafft haben, dann wollen wir auch den Afrikanern zur Freiheit helfen. Wer selbst mit Ketten belastet ist, kann keinem Andern die Ketten abnehmen.” Zugegeben, von Bebel sind bessere Zitate überliefert, nur nicht aus Dortmund.

Bömelburgstraße
Theodor Bömelburg, Reichstagsabgeordneter der SPD für den Wahlkreis Dortmund und Hörde zwischen 1903 und 1912. Vorsitzender der Maurergewerkschaft und des späteren Bauarbeiterverbands. Als Kandidat der SPD bei den Reichstagswahlen 1907 (Hottentotten-Wahl) hält er sich an die Parteidisziplin und spricht in über 30 Volksversammlungen „gegen die Tollheit der deutschen Kolonialpolitik“. Er hielt es für selbstverständlich, dass „für Taten, wie sie in den heutigen Kolonien verübt worden sind, unter keinen Umständen die Steuergroschen des deutschen Volkes bewilligt werden dürfen“. Bömelburgs Wahlkampfparole: „Keinen Groschen für die verbrecherischen Kolonialkriege“.

Franz-Lütgenau-Straße
Benannt nach dem ersten gewählten sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten des Ruhrgebiets (Wahlkreis Dortmund und Hörde, 1895-1898). In jungen Jahren noch etwas diffus: 1885 stellt er etwa in einem Vortrag dar, „daß für Deutsche in Kamerun, um dort existieren zu können, eine vollständige Änderung der Lebensweise und der Enthaltsamkeit in Essen und Trinken, wie sie der Natur des Deutschen nicht entspricht, notwendig sei“. Er schloß „mit dem Wunsche, daß durch die gegenwärtigen Kolonisations-Unternehmungen wir Deutsche nicht mögen abgelenkt werden von den wichtigeren und dringenderen Aufgaben, welche bei uns zu lösen sind.“ An anderer Stelle sagte er: „Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah“. In Deutschland sei „sehr viel kulturfähiges Land. Die deutschen Kolonialpolitiker sollten darauf ihre Blicke werfen, dann hätten es die ärmeren Landsleute nicht nöthig auszuwandern und so dem Vaterlande bedeutende und schützenswerthe Arbeitskraft zu entziehen.“ Später ausgewiesener Gegner der imperialistischen Kolonialpolitik, Vorstand des Dortmunder Vereins zur Förderung des internationalen Austauschs 1913 und zehn Jahre lang im Vorstand der antikolonialen Ortsgruppe Dortmund der Deutschen Friedensgesellschaft.

Friedrich-Kohn-Straße
Der Dortmunder Rechtsanwalt war eine führende Figur der Dortmunder Linksliberalen. Führte eine Reihe von Veranstaltungen durch, in denen er sich als Gegner der deutschen Kolonialpolitik bekannte (u.a. mehrfach gegen den Krieg in China und in Deutsch-Südwestafrika). Wechselte in den 1920er Jahren zur SPD.

Kautskystraße
Karl Kautsky, führender Theoretiker der SPD und auch bzgl. Imperialismus und Kolonialismus innerparteilicher Gegner des revisionistischen Bernstein-Flügels, der nach 1907 anfing, ein sozialdemokratisches Konzept von Kolonialpolitik zu entwickeln. Wechselte mit allen anderen namhaften antikolonial eingestellten Sozialdemokraten zur USPD.

Ludwig-Quidde-Straße
Pazifist und linksliberaler Politiker im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Friedensnobelpreisträger und Mitgründer der Deutschen Friedensgesellschaft. Nach dem Vortrag von Ludwig Quidde am 14.01.1901 in Dortmund über die deutsche „Seeräuberpolitik in China“ protestierte die „Volksversammlung auf das allerentschiedenste gegen die Weltmachtpolitik und besonders gegen die brutale Kriegsführung in dem chinesischen Konflikte“.

Rosa-Luxemburg-Straße
Eine der schärfsten Kritikerinnen des Kolonialismus, die ihn – auch theoretisch – in Bezug zu Kapitalismus und Imperialismus setzt.

Übrigens: Keine Dortmunder Straße ist jemals nach einem Opfer von Kolonialismus und Kolonialrassismus benannt worden.

 

Rückblick: Nach 1945 umbenannte „koloniale“ Straßennamen und Öffentliche Einrichtungen

In Dortmund wurden nach 1945 nur wenige kolonial und kolonial-rassistisch inspirierte Straßennamen umbenannt – weil es nur wenig umzubenennen gab. Weder vor noch während der Nazi-Diktatur fanden in Dortmund besondere „koloniale“ Gedächtnisinitiativen statt, so dass die kolonialen Symbolfiguren „der ersten Reihe“ (Peters, Wissmann, Lüderitz etc.) nicht in Straßennamen sondern lediglich in Schulnamen auftauchen; Dortmund ist damit eine Ausnahme unter den Großstädten. Zwei (neue) Straßen wurden jedoch nach 1933 nach Symbolfiguren des paramilitärischen Kolonialrevisionismus benannt:

Von-Epp-Straße
Benannt nach General Franz Ritter von Epp, nationalsozialistischer Politiker und von 1933 bis 1945 sogenannter „Reichsstatthalter“ in Bayern. Kriegsfreiwilliger Offizier bei der Niederschlagung des „Boxeraufstandes“ in China und Kompanieführer in Deutsch-Südwestafrika, wo er am Krieg gegen die Herero teilnahm. Gründer des „Freikorps Epp“, Teilnahme an der Niederschlagung der Münchener Räterepublik und des Ruhrkampfs, Besetzung Dortmunds 1920. Ab 1925 Vorsitzender des Deutschen Kolonialkriegerbundes, ab 1934 Reichsleiter der Kolonialpolitischen Amtes der NSDAP und ab 1936 Bundesführer des Reichskolonialbundes.
Die Von-Epp-Straße wurde am 19.7.1946 in Thomas-Mann-Straße umbenannt.

Maerkerstraße
Benannt nach Generalmajor Georg Maercker. Ab 1888 als Offizier bei der „Schutztruppe“ in Deutsch-Ostafrika, Teilnahme an der Niederschlagung des sogenannten Araberaufstandes im Jahre 1889, anschließend in Kiautschou (China) und ab 1904 im Generalstab der Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika. Gründer des Freikorps „Landesjäger“, Teilnahme an der militärischen Niederschlagung der Arbeiteraufstände in Berlin, Halle, Magdeburg, Braunschweig und anderen Städten. Gründer und Präsident des Deutschen Kolonialkriegerbundes. Redner der ersten großen kolonialrevisionistischen Veranstaltung in Dortmund nach dem 1. Weltkrieg.
Die Maerckerstraße wurde am 22.7.1946 in Ernst-Wiechert-Straße umbenannt.

Von-Epp-Straße und Maerkerstraße waren Teil des Freikorps-Viertels, das nach antidemokratischen, paramilitärischen Organisationen benannt wurde. Weitere Straßen, die nach Freikorps benannt wurden:

  • Aulockstraße, ab 19.7.1946: Anna-Siemsen-Straße
  • Ehrhardtstraße, neu ab 19.7.1946: Gerhart-Hauptmann-Straße
  • Oberlandstraße, neu ab 19.7.1946: Heinrich-Mann-Straße
  • Loewenfeldstraße, neu ab 19.7.1946: Schoenaichstraße

Die in der Nähe liegende Reichswehrstraße (benannt bereits 1929) wurde – unbegreiflicherweise - nicht umbenannt, obwohl sich doch wesentliche Teile der Reichswehr aus den antidemokratischen Freikorps zusammensetzten.

Harboustraße
Benannt nach Generalleutnant Wilhelm von Harbou, Landwehrinspekteur in Dortmund ab 1911 und Vorsitzender der Abteilung Dortmund der Deutschen Kolonialgesellschaft ab 1913. Zugleich “Vertrauensmann” der Jungdeutschland-Bewegung. Brigadekommandeur der 25. Reserve-Infanterie-Brigade, “seinen Wunden erlegen” am 20.09.1914 in Frankreich. Das Ehrengrab befindet sich heute auf dem Dortmunder Südwestfriedhof. Die Straßenbenennung war förmlich eingeleitet, wurde kriegsbedingt jedoch nicht mehr realisiert.

In Dortmund wurden Ende der 1930er Jahre verschiedene Volksschulen kolonialistisch inspiriert umbenannt:

Karl-Peters-Schule
1939-1945, vorher und nachher: Stiftschule (Clarissenstraße 18, Hörde).

Wissmannschule
1939-1945, vorher: Viktoriaschule (Semerteichstr. 176, Hörde).
Informationen zu Wissmann finden Sie in Köln-postkolonial

Nachtigalschule
1939-1945, vorher: Leoschule (Entenpoth 34); nachher: Frenzelschule.
Laut Adressbuch 1939 erfolgte die Umbenennung in Nachtigallschule. Vermutlich ein Schreibfehler, denn nach Gustav Nachtigal wurden in dieser Zeit etliche öffentliche Einrichtungen und Straßen benannt.
Informationen zu Gustav Nachtigal finden Sie in Köln-postkolonial

Schliemannschule
1939-1945, vorher: Kath. Volksschule Dortmund-Nette (Stinnesstr. 29)
Heinrich Schliemann wurde in der Zeit des Nationalsozialismus in die koloniale Ahnengalerie integriert, gehört aber im engen Sinne nicht zu den unmittelbaren Akteuren des deutschen Kolonialismus.

Graf-Spee-Schule
1939-1945, vorher: Evangelische Volksschule in Dortmund-Barop (Am Hedreisch 6); später: Fritz-Reuter-Volksschule.
Benannt nach Maximilian Reichsgraf von Spee, Vizeadmiral und Oberbefehlshaber des deutschen Ostasiengeschwaders, der 1914 auf dem Rückweg von China bei einem Seegefecht zusammen mit 2.200 Marinesoldaten den Tod findet. Wurde in militaristischen und kolonialistischen Kreisen geehrt; 1934 Benennung eines neugebauten Panzerschiffes nach Graf Spee. In Dortmund auch: Speestraße.

Postmeister-Stephan-Schule
Ab 1939, vorher: Evangelische Schule, Dortmund-Schüren, Pekingstr. 24; heute: Gerhart-Hauptmann-Grundschule.
Heinrich Stephan, Ehrenbürger der Stadt Dortmund, Generalpostdirektor des Deutschen Reichs und Staatsminister.
Artikel „Ein Postbeamter macht Außenpolitik – Heinrich von Stephan und die koloniale Expansion Deutschlands“ als pdf auf www.freiburg-postkolonial.de

 

Literaturempfehlung:
Bausch, Hermann Josef: Straßennamen: Denkmäler der Geschichte? Politisch motivierte Straßenbenennungen in Dortmund (1918 – 1933 – 1945). In: Heimat Dortmund 1/2011. (Wesentliche Angaben zu Straßenumbenennungen sind dieser Veröffentlichung entnommen)

Straßennamen in Westfalen-Lippe, Datenbank des LWL

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