Die Durchdringung des “Kolonialen” in der Dortmunder Alltagswelt

Wie wird das/der/die Fremde zum Eigenen gemacht – und/oder: Wie wird das Fremde abgestoßen? In der Dortmunder Alltagswelt begann bereits vor, aber spätestens mit Beginn des unmittelbaren deutschen Kolonialismus die mentale “Verarbeitung” des kolonialen Fremden.

Zum Beispiel im Karneval: Daniel Defoes Romanfigur Robinson Crusoe wurde im Dortmunder Karneval für ein Bühnenstück aktualisiert (Schirmfabrikant, Afrika) und “übersetzt” in

“Robinson Kruse, Schirmfabrikant aus Dortmund, unter den Wilden auf einer Insel in Afrika”.

Die vielleicht erste Karnevalsfigur, die mit exotischer Ferne, kolonialer Eroberung und dem sogenannten „Zivilisierungsauftrag“ kokettierte. Andere folgten: “drei Solo-Kaffern aus Sennegambien. Einzig in ihrer Art” (1879), “der kameruner Schnellbildhauer” (1890), “Neu! Neu! Die Reise von Dortmund nach Kamerun” (1890), die “Komische Pantomime: Die wilde Jagd auf Indianer” (1890). Kurz darauf wurden dann auch die deutschen Kolonialkriege in China und Deutsch-Südwestafrika im Karneval “verarbeitet” und 1906 folgte dem Programmpunkt “Das Bombardement der Reinoldi-Insel” die “gescheiterte Marocco-Konferenz”, die stattfindet unter”persönlicher Teilnahme des Fez von Marocco mit seinem Stabe, Haremsdamen, Eunuchen, Muselmänner, Franzosen, Indianer, Bauern aus dem Münsterland … Karnevals-Kostüme leihweise im Lokal”. Kolonialpolitische Themen, die einen größeren Teil der Bevölkerung bewegten (bei der Marokko-Konferenz ging es ganz wesentlich um den Zugriff auf marokkanische Eisenerze für die Stahlindustrie des Ruhrgebiets!), lassen sich quasi umgehend im Karneval widerfinden.

Über Karneval hinaus: Die Werbung für die deutsche Kolonialpolitik wurde realisiert in Form von kolonialen Deklamationen zum Kaisergeburtstag, Ausstellungen von Kolonialliteratur in der Stadtbibliothek, Festumzügen (z.B. Sedantag), Plakaten, Zirkusvorstellungen, neuen Lebensmitteln, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Rede- und Zeitungsbeiträgen, Völkerschauen, Kirmessen, Firmenreklame etc, und auch über Informationsveranstaltungen. Nur selten darf man die Einverleibung des Fremden mehr als nur sprichwörtlich verstehen, z.B. wenn mitten im deutschen Kolonialkrieg in China das erste asiatische Restaurant in Dortmund eröffnet wurde.

Es waren zahlreiche und ganz unterschiedliche Akteure in Dortmund, die von sich aus und ohne einen zentral gesteuerten “Kreuzzug der Erziehung zum kolonialen Verständnis” fleißig die Phantasiewelt imperialer und kolonialer Größe erträumten, aber auch praktisch viel dafür taten, koloniale Bestrebungen zu unterstützen. Der projizierte “Platz an der Sonne” wurde dabei gegen die ganz konkreten Bestrebungen nach gerechter Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum instrumentalisiert. Mitunter lag der proletarische Blick auf die Welt (“Die da oben, wir hier unten”) überkreuz mit dem kolonialen Blick (“Wir hier oben, die da unten”). Und mancher, der hier in der gesellschaftlichen Skala eher “unten” stand, definierte sich unter Zuhilfenahme eines kolonial-rassistischen “Wir hier oben” zum Herrenmenschen um.

Aber nicht nur “nach der Arbeit”: Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete die Kolonial- und Weltmachtpolitik des Deutschen Reiches das inhaltliche Zentrum der politischen Bildung und Erziehung in den verschiedenen Fächern der Schule. Die neue Staatsbürgerkunde vermittelte den “Platz an der Sonne” und zahlreiche Initiativen imperialistischer Interessenverbände, wie zum Beispiel die Deutschen Kolonial-Gesellschaft oder der Flottenverein, unterstützten entsprechende pädagogische Bemühungen. Die bedeutendste überregionale Initiative der Abteilung Dortmund der Deutschen Kolonial-Gesellschaft war die Forderung nach Einrichtungen für Lehrstühle in Erdkunde, denn, so die Begründung, die Lehrerausbildung müsse bezüglich der Kolonien dringend verbessert werden, um den Schülern das neue, größere Deutschland zu vermitteln.

Alle mussten sich weiterbilden, um Orientierung im kolonialen Deutschland zu finden. Sogar Sozialdemokraten! Die erste kolonialkritische, sozialdemokratische Informationsveranstaltung fand statt zum Thema “die deutsche Seeräuberpolitik in China”. Bald danach wurden die ersten Partei-internen Fortbildungen in den Ortsvereinen angeboten zum Thema: “Kolonialismus, Kapitalismus und Imperialismus”.

Demnächst finden Sie hier weitere Informationen, wie in der Kolonialprovinz Dortmund der “koloniale Blick” auf die Welt entstand.

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