Dortmund und der Welthandel 

Die Hafenanlagen und die Schantung-Eisenbahn in Kiautschou (China), die Otavibahn in „Deutsch-Südwestafrika“ (heute Namibia) oder die Eisenbahnprojekte in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania), wohl kaum ein koloniales Großprojekt, an dem die Dortmunder Eisen- und Stahlindustrie nicht profitierte. Die Fa. Pohlschröder lieferte dazu die Geldschränke … bis in die Kolonien.

Abbau von Eisenerzen in Marokko oder Brasilien, von Kohle in China, von Asbest in Südafrika oder von Tropenhölzern in Kamerun – Dortmunder Unternehmen waren schon vor dem 1. Weltkrieg international aufgestellt, und die Union-Brauerei lieferte dazu das Bier, nicht nur die 700 Faß für die deutschen Kriegsfreiwilligen in China.

Stahl, Kohle, Bier … und Geldschränke – Dortmunder Unternehmen in den Kolonien

Anzeige der Fa. Glässing & Schollwer aus Dortmund-Schüren mit kolonial-rassistischem Motiv. Quelle: Der Kolonialdeutsche, 1928

Anzeige der Fa. Glässing & Schollwer aus Dortmund-Schüren mit kolonial-rassistischem Motiv. Quelle: Der Kolonialdeutsche, 1928

Die Kolonial-Handelsadressbücher weisen mehr als 20 Dortmunder Unternehmen aus, die in den europäischen Kolonien tätig waren: Hersteller von Hosenträgern, Fahrrädern, Alkohol, Geldschränke, Zäune oder Teer, aber auch Kohle- und Erz-Explorationsunternehmen. Die „Großen“ der Dortmunder Wirtschaft tauchen darin zwar nicht auf, aber die Jahresberichte der Handelskammer Dortmund und weitere Quellen weisen entsprechende Engagements von Hoesch, Union, Phoenix, Schüchtermann, Klönne, Jucho usw. aus und damit die Produktpalette von Eisenbahnbauten und -zubehör über den Werkzeug- und Maschinenbau bis hin zum Brückenbau.

Im Jahre 1905 betrug der überseeische Außenhandel Dortmunds rund 2.578.006 Tonnen im Werte von rund 66.280.000 Mark; die deutschen Kolonien nahmen für mehr als eine Millionen Mark von den Produkten der Dortmunder Eisenindustrie auf (Bericht der Handelskammer Dortmund 1906). Realistisch betrachtet waren die Exporte in die deutschen Kolonien von keiner herausragenden Bedeutung für die Dortmunder Wirtschaft. Expandierendere Weltregionen als die deutschen Kolonien waren für die Dortmunder Unternehmen deutlich interessanter, z. B. Südafrika, China, Japan, Brasilien, Argentinien und auch z. B. die niederländischen Kolonien. Die Dortmunder Union (Aktiengesellschaft für Bergbau, Eisen- und Szahlindustrie) war zum Beispiel vor 1914 beim Bau der Großen Venezuela-Eisenbahn, der Bagdadbahn sowie dem Brückeneisenbahnbau auf Java beteiligt.

Die Abteilung Dortmund der Deutschen Kolonialgesellschaft versuchte immer wieder interessante Investments vorzustellen. Beim Empfang der Stadt Dortmund für Major Leutwein, Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, im Jahre 1902 bat dieser um Investitionen der Wirtschaft des Ruhrgebiets in Südwestafrika. Vergeblich, die Dortmunder Unternehmen investierten nicht auf eigenes Risiko, waren aber immer dann dabei, wenn staatliche Absicherungen ein sicheres Geschäft versprachen, so z. B. bei den 12.000 Tonnen Eisenbahnmaterial, die allein im Jahre 1910 über den Dortmunder Hafen in die deutschen Kolonien verschifft wurden. Auf der anderen Seite lockte das lukrative China-Geschäft: Beim Besuch einer “chinesischen Spezial-Kommission” im Jahre 1906 übertrafen sich die Dortmunder Unternehmen mit ihren Offerten.

Kolonialwaren und strategische Rohstoffe in Dortmund

Bis in die 1930er Jahre existierte eine Vielzahl von Kolonialwarenhandlungen in Dortmund. Sie hielten Lebensmittel aus tropischen und subtropischen Gebieten bereit: Kaffee, Tee, Reis, Kakao und ab den 1910er Jahren auch Bananen – die sogenannten Kolonialwaren, darüber hinaus aber auch andere Grundnahrungsmittel und Haushaltswaren. Aus zwei Vereinigungen der Kolonialwarenhändler in Dortmund entstanden der EDEKA, eine Abkürzung für die ”Einkaufsgenossenschaft Dortmunder Kolonialwarenhändler”, und der REWE. Dortmund sei „ein bedeutender Handelsplatz für Kolonialwaren“ – urteilte die Handelskammer Dortmund in ihrem Jahresbericht 1879 über den „Wirtschaftsstandort“ und erstellte in diesem Jahr erstmals eine Übersicht über den Kolonialwarenhandel in Dortmund.

Als Kolonialwaren werden in der Regel außereuropäische Rohstoffe und Erzeugnisse aus den damaligen europäischen Kolonien bezeichnet. Aber in den Handelskammerberichten der 1880er Jahre werden unter „Kolonialwaren“ auch ganz andere und keineswegs nur außereuropäische Waren aufgeführt, die in Dortmunder Kolonialwarenläden gehandelt wurden: Pflaumen aus Bosnien, Rosinen aus Italien, Korinthen aus Frankreich, Speck und getrocknete Apfelringe aus Kalifornien.

Für die wirtschaftliche Entwicklung des Industriestandortes Dortmund waren andere Rohstoffe (noch) wichtiger, die ebenfalls aus den deutschen Kolonien oder aus anderen europäischen Kolonien und ehemaligen Kolonien in Lateinamerika, Afrika und Asien bezogen wurden: Eisenerz, Tropenholz, Palm- und Kokosöl, Guttapercha oder Kamelhaare für die Produktion von Treibriemen. Nicht zu vergessen: Futtermittel aus Indien für die industrielle Schweinemast in Dortmund.

Der Kolonialwaren- und Rohstoffhandel in Dortmund zeigt, wie erstaunlich hoch der wirtschaftliche Anteil Dortmunds am globalisierten Handel bereits vor 100 Jahren war und deutet an, warum große Teile der Dortmunder Wirtschaft energisch für die Kolonialpolitik eintraten. Kolonialpolitik war nicht nur ein Lebenselixier für die Phantasien eigener imperialer Größe, sondern in Verbindung dem  “Überseehandel” zugleich interessengeleitete Rationalität in einer sich globalisierenden Welt.

Übrigens: Warum braucht(e) Dortmund einen Hafen? Gut zu wissen, womit der 1899 fertig gestellte Kanalhafen begründet wurde: „Eisenerze und Colonialwaren“, so argumentierte die Handelskammer Dortmund bereits 1894. Schon die ersten ausländischen Erzlieferungen über den Dortmund-Ems-Kanal im Jahre 1900 kamen keineswegs nur aus Schweden, sondern z. B. aus Marokko. Und in umgekehrter Richtung: Kohle und Eisen- und Stahlerzeugnisse. Und Bier – bis nach Hawaii! Der Dortmunder Hafen wurde zunehmend zum Umschlagplatz überseeischer Produkte und zugleich zum Exporthafen nach Übersee.

Weitere Informationen demnächst hier.

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