Altkleider-Sammlungen für Afrika haben eine lange und umstrittene Tradition. Die erste Altkleider-Sammlung in Dortmund gab es schon vor über 100 Jahren – für die Herero-Kriegsgefangenen in den Konzentrationslagern Deutsch-Südwestafrikas.

In Dortmund fanden ab Mitte 1905 Kleidersammlungen für die Hereros und Nama in den deutschen Konzentrations-, Kriegsgefangenen- und Sammellagern statt.

Wir bitten um Mithilfe: Wer weiß mehr über die Altkleidersammlungen der Rheinischen Mission in (Wuppertal-) Barmen für Herero- und Nama-Kriegsgefangene, die in vielen evangelischen Synoden stattfanden?

 Im Oktober 1905 veröffentlicht die „Dortmunder Zeitung“ einen Soldatenbrief aus Deutsch-Südwestafrika:

„Liebe Mutter, sage doch der Mission in Barmen, sie möchte doch für solche Bestien nicht sammeln. Herr Gott, welch ein Wahnsinn, für die wird in Deutschland gesammelt, ich dachte, mich hätte der Schlag gerührt, wie ich dies las.“

Für die westfälischen Kriegsfreiwilligen im Deutsch-Namibischen Krieg war – nimmt man die in Dortmund veröffentlichten Briefe als Grundlage – die Sachlage klar: Hereros und Nama, wahlweise bezeichnet als „Bestien“, „schwarze Teufel“, „schwarze Schufte“, „Hunde“, „Kannibalen“ usw. müssen vernichtet werden. Damit war nicht allein ein militärischer Sieg gemeint, sondern eine wortwörtlich zu nehmende physische „Vernichtung“ im „Rassenkrieg“, wie sie der deutsche Oberbefehlshaber General von Trotha befohlen und wie sie in der Dortmunder Provinz teilweise gutgeheißen wurde. Eine große Solidaritätsbewegung sammelte Spenden für die deutschen Soldaten im Kampf gegen die „schwarzen Mörder“ (Jahresbericht der Handelskammer Dortmund 1904) bzw. die „leichenschänderischen Hereros, diebischen Hottentotten und wortbrüchigen, hinterlistigen Witbois (Jahresbericht der Handelskammer Dortmund 1905).

Die Gründe des Kriegsausbruchs in „ihrem“ Missionsgebiet waren für die Dortmunder Freundinnen und Freunde der Mission in Deutsch-Südwestafrika kaum zu verstehen. Seit 60 Jahren sammelten Missionsvereine in Dortmund für die Mission in Namaland und Hereroland, schon 20 Jahre zuvor verpflichtete sich die evangelische Synode Dortmund zur fortlaufenden Finanzierung der Herero-Mission, freute sich über Johanna Maria Gertse (die erste Herero-Christin) und die weiteren Erfolge der Mission. Die Verwirrung über die Teilnahme bewaffneter Herero-Christen muss sehr groß gewesen sein und das Spendenaufkommen versiegte in Dortmund ganz erheblich. Der Aufruf der Dortmunder Synodalkommission für äußere Mission an die Gemeinden und Gemeindeglieder zum Wiederaufbau der Herero-Mission benennt die Ausgangslage:

Es rührt und regt sich bei uns scheinbar nichts; die meisten Herzen bleiben kalt und fast alle Hände fest geschlossen.“

Das Presseorgan der Evangelischen Kirche in Dortmund berichtete und kommentierte praktisch seit Anfang 1904 über den Beginn und den Verlauf des Krieges. Die Berichte verurteilten einerseits den Aufstand der Hereros und forderten entschieden die militärische Niederschlagung und Bestrafung der Hereros. Andererseits galt es, die Rheinischen Missionare in Schutz zu nehmen vor den Angriffen der deutschen Siedler (Vorwurf der Kollaboration mit den Hereros!), aber auch die Herero als Opfer kolonialer Verhältnisse darzustellen. Den Hereros das seelenbehaftete „Menschsein“ zuzuschreiben, scheint ebenfalls ein wichtiger Punkt gewesen zu sein, denn der inneren Logik folgend kann nur der „missionsfähige“ Mensch missioniert werden. Kurzum: Es ging darum, sowohl den Hirten (Missionar) als auch seine Herde (Hererovolk) zu verteidigen, wenn die Mission denn eine Zukunft haben sollte.

Aus dieser Position heraus wurde im Kirchlichen Anzeiger für die evangelischen Gemeinden von Dortmund und Umgegend fortlaufend argumentiert:

  • „Augenscheinlich hat sich die Wut der Hereros gegen diejenigen gewandt, die sich am Hererovolke versündigt haben.“ (Kirchlicher Anzeiger, 27.03.1904)
  •  „Die Händler haben zweifellos mit List das Eigentum der Hereros an sich gebracht, und die Farmer sind der starken Versuchung erlegen, die Eingeborenen wie wilde Tiere zu behandeln.“ (Kirchlicher Anzeiger, 27.03.1904)
  • Gouverneur Leutwein „machte sich diejenigen zu Feinden, welche die Eingeborenen nur als Hunde und Schweine und als Ausbeutungsobjekte betrachteten.“ (Kirchlicher Anzeiger, 15.05.1904)

Auch wurde „der gute Kern“ der Hereros fortlaufend betont, z. B. durch den Abdruck eines Briefs von Missionar Meier aus Okahandja, in dem ein Herero-Kapitän zitiert wird: Die Hereros würden „noch sehr kämpfen, der Oberleutnant möge aber die Frauen und Kinder aus der Feste schicken, damit sie nach Deutschland gingen; denn gegen diese zu kämpfen hielten die Hereros nicht für schön.“

Nahezu konträr stehen die „Herero-Bilder“ des eingangs zitierten Kolonialsoldaten und die des Dortmunder Kirchlichen Anzeigers gegenüber: Dort als unmenschliche Täter. Hier als Opfer betrügerischer Siedler, vertrieben von ihrem Land, mit einem letzten verzweifelten Akt des Widerstands gegen das Unrecht. Hereros, die dem Befehl ihres Kommandanten Folge leisteten und das Leben der Missionare und das der deutschen Frauen und Kinder schützten; die sogar Lebensmittel für die deutschen Kinder bereitstellten, die deutschen Toten beerdigten, im militärischen Feldlager Gottesdienste abhalten und ihre Kinder taufen lassen wollten.

Im August 1904, nach der für die Hereros verlorenen „Schlacht am Waterberg“ und Abdrängung in die wasserlose Omaheke-Wüste, beschreibt der Kirchliche Anzeiger in Dortmund die erhoffte Doppelstrategie: „General von Trotha ist es gelungen, das Terrain zunächst in einem weiten Umkreis zu umzingeln, dann den Gürtel um die Hereros immer enger zu schließen und zuletzt ihre festeste Stellung, den Waterberg, zu erstürmen. Keine Frage, daß die Hereros jetzt bald völlig zermalmt am Boden liegen werden. Mit ihrer Unschädlichmachung erwächst aber auch dem Deutschen Reich die Pflicht, sie vor Ausbeutung und Unterdrückung zu schützen.“

Nach der militärischen Niederlage der Herero ging es der Rheinischen Mission allerdings nicht darum, „sie vor Ausbeutung und Unterdrückung zu schützen“, sondern zunächst – viel naheliegender – das bloße Überleben des Volkes der Herero zu unterstützen und die Missionsarbeit wieder aufzubauen. Dazu benötigte die Rheinische Mission die Unterstützung der zögerlichen Heimatgemeinden. In der Synode Dortmund wurde dazu quasi alles mobilisiert, was nur möglich war. Jede Kirchengemeinde führte Missionsfeste oder Informationsveranstaltungen zur Lage der Mission in Deutsch-Südwestafrika durch und auch im vielfältigen evangelischen Vereinsleben dürfte es kaum eine Gruppe gegeben haben, die sich nicht mit dem Krieg und „der tadellosen Haltung unserer Missionare“ (so die offizielle Feststellung der Synode Dortmund) beschäftigte. Der Tenor solcher Veranstaltungen spiegelt sich in einem Bericht eines Missionsfestes am 22.11.1905 mit Missionar Lang (einem der Verteidiger der Hereros) wider: „Manchem wurde doch klar, wie man trotz aller Furchtbarkeiten der jetzt nur noch einen erfolglosen Verzweiflungskampf kämpfenden Hereros doch für diese noch ein Herz haben kann und muß“.

Rührte das Leid der Kriegsgefangenen zu barmherziger Hilfe?

“Hunderte Hereros sind durch die Versendung nach Swakopmund geradezu hingemordet, so dass mir ein Herero sagte: Das ist schmutzig; aber lass’ nur, Gott wird’s rächen.” (Missionar August Kuhlmann)

Swakopmund, Okahandja, Omaruru, Otjihaenena, Otjosongombe, Lüderitzbucht oder Windhuk … Die Rheinische Mission erhielt die Möglichkeit, die verstreut überlebenden Kriegsflüchtlinge zu „sammeln“, das heißt, sie davon zu überzeugen, sich in die Kriegsgefangenschaft zu ergeben. Doch grausam war die Behandlung und Versorgung der Gefangenen in den Lagern. Missionar August Kuhlmann, zuständig für die Sammlung der verstreuten Hereros: “Als ich von dem entsetzlichen Sterben hörte, da habe ich mich sofort von weiteren Vermittlungsdiensten zurückgezogen. Und ich werde nie wieder Hereros aus dem Felde, wo sie weniger zahlreich zugrunde gehen wie in Swakopmund oder in Lüderitzbucht, holen, wenn ich nicht vorher weiß, was mit den Leuten geschieht.” August Kuhlmann war der einzige Missionar, der sich der Sammlung der Herero-Kriegsflüchtlinge verweigerte. Aber er war nicht der einzige Augenzeuge des Geschehens. Ungefähr 8.800 Gefangene standen schließlich unter militärischer Bewachung und wurden zu „Arbeitsdiensten“ zwangsverpflichtet.

Missionar Heinrich Vedder im „Kirchlichen Anzeiger für Dortmund“ über das Gefangenenlager in Swakopmund: „Es handelt sich um solche Hereros, die sich freiwillig ergeben, aber als Gefangene gehalten werden. … Sie erhalten von der Regierung als Arbeitslohn Reis, das Fleisch gefallener Tiere, jüngst auch etwas Speck, der für die Soldaten bestimmt, aber verdorben war. … unter den Kindern gibt es viele schreckliche Jammergestalten. Sie haben buchstäblich zum großen Teil nur Haut und Knochen und kauern, ohne Kleidung, in eine alte Decke gehüllt am Feuer oder liegen regungslos in den Hütten.“

Und an anderer Stelle: „Hunderte aber, durch die vielen Entbehrungen im Felde bis zur Erschöpfung geschwächt, brechen aus Mangel an zusagender Nahrung zusammen und sterben. Vom 13.-26. des Monats starben z.B. 33 Eingeborene“.

Missionar Vedder: „Da mir nun die Verantwortung für die Eingeborenen hier als Missionar übertragen ist, so halte ich es für meine Pflicht, mich dieser Not anzunehmen. Aber ich stehe dem Elend macht- und ratlos gegenüber, wenn nicht aus der Heimat Hilfe kommt. Ich bin fest überzeugt, dass viele Freunde gerne bereit sein werden, ihre Gaben darzureichen, um – nicht für alle, sondern für die besonders Schwachen und Kranken – Mehl kaufen zu können.“

„Viele werden auch gerne abgelegte Kleidungsstücke für Männer und Frauen schenken. Nur müssen dieselben wärmen und stark sein, damit sie nicht wieder gleich bei der Arbeit zerrissen werden. Ganz besonders notwendig aber sind Kinderkleider und warme Hemden, große und kleine.“

Der Kirchliche Anzeiger Dortmund bat, „daß viele Menschenfreunde Gaben für diesen Zweck an das Missionshaus in Barmen senden werden, eingedenk des Wortes des Herrn: Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Dem Spendenaufruf der Rheinischen Mission an die Heimatgemeinden in Deutschland wurde offensichtlich Folge geleistet, denn ein halbes Jahr später informiert der „Kirchliche Anzeiger“ die evangelischen Christinnen und Christen über den Erfolg der (Alt-) Kleidersammlung.

„Mit den reichlich übersandten Kleidungsstücken haben unsere Missionare viel Not lindern können, sie bitten um weitere Hilfe, ausgenommen sind Strümpfe, feine Damenkleider und – abgelegte Fräcke“.

Die Not in den Gefangenenlagern wird den evangelischen Christinnen und Christen in Dortmund auch im Februar 1906 vor Augen gehalten: „An der Otavibahn sind 1000 Hererogefangene, welche durch Missionar Kuhlmann bedient werden. … (es) befindet sich ein Eingeborenen-Lazarett in Omaruru, diese Station hat die Otavibahn-Behörde zu einer Sammelstelle für ihre kranken Arbeiter gemacht. Missionar Kuhlmann berichtet von 300 (!), die von einem italienischen Arzt mit bestem Wohlwollen behandelt werden. Es fehlt aber an Mitteln und Unterkunft. Viele leiden an Skorbut.“

Übrigens: Auch 138 schulpflichtige Kinder befanden sich unter den Zwangsarbeitern, die zum Bau der Otavibahn herangezogen wurden. Eine ganze Reihe solcher Details wusste „man“ in Dortmund, wenn „man“ allein den „Kirchlichen Anzeiger“ las.

Kleiderspenden für Kriegsgefangene, medizinische Versorgung, die Not der Gefangenschaft zu lindern – ist das nicht ein Aufgabe des Roten Kreuzes? Der Dortmunder Zweigverein vom Roten Kreuz, die Rote-Kreuz-Kolonnen, die Vaterländischen Frauenvereine vom Roten Kreuz – ihnen allen wäre ein solcher Gedanke im Deutsch-Namibischen-Krieg niemals gekommen. Das Rote Kreuz organisierte stattdessen stadtweit die Spendensammlungen für die deutschen Soldaten, für die Erholungsurlaube in deutschen Kurbädern oder für die Ausstattung von Sanitätsstationen in Deutsch-Südwestafrika, die – natürlich – nur den deutschen Soldaten zur Verfügung standen; das Rote Kreuz war in Südwestafrika eine einseitige Kriegspartei. Karl Trachte, der für das Rote Kreuz in Dortmund die „Sammelstelle für unsere Truppen in Südwestafrika“ leitete und dafür von Kaiser Wilhelm II die Südwest-Gedenkmedaille in Stahl für Nicht-Kämpfer erhielt:

„Gedenk, mein Volk, an deine tapfren Söhne,
Die für dich opfern dort ihr teures Blut,
Und spend beim frohen Weihnachtsfestgetöne
Ein Scherflein auch der Heldenschar zugut“

In den regelmäßig in den Tageszeitungen veröffentlichten Spendenlisten des Roten Kreuzes erscheinen neben den Dortmunder Industriellen, den Krieger-, Turn- oder Beamtenvereinen, den Karnevals- oder Vogelzüchtervereinen, dem Lokomotivführer- oder dem Bayernverein … auch eine Reihe von evangelischen Pfarrern und Vereinen: Zum Beispiel 85 Mark durch „eine Kollekte in St. Reinoldi beim Sylvestergottesdienst des Herrn Pastor Traub“ (ein kirchlich extrem liberaler Theologe, später im ersten Weltkrieg mit den „Eisernen Blättern“ den Siegfrieden propagierend, Mitglied der Nationalversammlung und dort die Rückgabe der Kolonien einfordernd, beim Kapp-Putsch als Kultusminister vorgesehen, führendes Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und dort Vertreter des völkischen Flügels). Eine ganze Reihe der theologisch-liberalen Pfarrer treten – nachweislich der Rote-Kreuz-Spendenlisten und der Kollektenlisten im Kirchlichen Anzeiger und in den Synodalprotokollen – in Erscheinung als individuelle Spender oder als Organisatoren von Spendensammlungen für die deutschen Kolonialsoldaten wie z.B. bei Kaisergeburtstags-Gottesdiensten, jedoch: Sie unterstützen explizit nicht den Neuaufbau der Herero-Mission. Dahinter verbirgt sich nicht nur eine Auseinandersetzung des Missionsverständnisses (die genannten Pfarrer unterstützen eher den liberalen Allgemeinen Protestantischen Missionsverein mit seinem China- und Japan-Schwerpunkt), sondern auch ein sich radikalisierendes deutsch-nationales Selbstverständnis.

In einem solchen gesellschaftlichen Szenario konnte sich der evangelische Christ entscheiden: Spendet er/sie im wohlig-warmen gesellschaftlichen Mainstream für die deutschen Kolonialsoldaten oder spendet er/sie Altkleider für Herero-Kriegsgefangene? Beteiligt sich der Arbeiter der Fa. Orenstein & Koppel in Dortmund-Dorstfeld (Rheinische Str.), Produktionsstätte für die Otavibahn in Deutsch-Südwestafrika, an der betriebseigenen Sammlung für die deutschen Soldaten oder beteiligt er sich mit einer Spende an der Arbeit von Missionar August Kuhlmann zugunsten der Herero-Zwangsarbeiter, die für den Bau der Otavibahn im betriebseigenen Kriegsgefangenenlager der Fa. Orenstein & Koppel in Omaruru interniert waren? Es heißt zwar: „Missionsarbeit bedeutet Segensarbeit für das eigene Herz und Leben!“, aber vermutlich gab es bei den Sammlungen für Herero-Kriegsgefangene doch so etwas wie Mitgefühl?

 

Nachtrag:
Evangelisches Fundraising 1906: „Leider ist durch die Konkurrenzbestrebungen der katholischen Mission, die bis dahin noch nicht unter den Hereros gearbeitet hatte, nun aber auf einmal die Hälfte der Hererokinder in den Konzentrationslagern verlangte, die Arbeit erschwert worden. Alle Missionsfreunde werden unter diesen Umständen noch ein reiches Feld liebevoller Hilfeleistung zu bestellen haben.“ (Kirchlicher Anzeiger Dortmund, 15.07.1906)

 

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