Gefangennahme von Kolonialsoldaten: “Dachten sie vielleicht an ihre warme Heimat?

"Jumbo bei Douaumont gefangen genommen“. Ansichtskarte, gelaufen als Feldpost im Oktober 1916. Stempelabdruck: 2. Pionier-Bataillon Nr. 16, 4. Feldkompagnie. Kartenverlag Julius Berger, Metz. Genehmigte Original-Aufnahme. Sammlung Markus Kreis. "Jumbo" war vor Beginn des Ersten Weltkriegs der Name eines weltberühmten und ungewöhnlich riesigen afrikanischen Show-Elefanten. Vermutlich wurde hier der Versuch unternommen, einen schwarzen Soldaten durch die Namensgebung als "missing link" zwischen Mensch und Tier darzustellen.

"Jumbo bei Douaumont gefangen genommen“. Ansichtskarte, gelaufen als Feldpost im Oktober 1916. Stempelabdruck: 2. Pionier-Bataillon Nr. 16, 4. Feldkompagnie. Kartenverlag Julius Berger, Metz. Genehmigte Original-Aufnahme. Sammlung Markus Kreis. "Jumbo" war vor Beginn des Ersten Weltkriegs der Name eines weltberühmten und ungewöhnlich riesigen afrikanischen Show-Elefanten. Vermutlich wurde hier der Versuch unternommen, einen schwarzen Soldaten durch die Namensgebung als "missing link" zwischen Mensch und Tier darzustellen.

Frankreichs Präsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel trafen sich am 28.05.2016 in Douaumont zum Gedenken an die Schlacht von Verdun vor 100 Jahren. Damals starben “300.000 französische und deutsche Soldaten”, so heißt es in der eurozentrischen Geschichtsschreibung. Die bei Verdun gefallenen oder in die Kriegsgefangenschaft geratenen Tirailleurs Sénégalais, Somalier, Madegassen oder Marokkaner blieben – wie stets – unerwähnt.

Die Gefangennahme und der Gefangenentransport waren in der Frühphase des Krieges von großer Bedeutung für die ideologische Kriegsführung. Die Behandlung der Gefangenen wurde vom Internationalen Roten Kreuz kontrolliert und bot Argumente für gegenseitige Anschuldigungen.

Speziell mit der Gefangennahme von kolonialen Soldaten konnte in der Heimat die Empörung geschürt werden, dass deutsche Soldaten auch gegen sogenannte “Hilfsvölker” (“Wilde”, “schwarze Bestien” usw.) kämpfen mußten. Für die Gefangenennahme von kolonialen Soldaten wurden Prämien ausgelobt und diese Soldaten boten eine willkommene Gelegenheit zur Berichterstattung in Tageszeitungen. Initiiert und angeleitet durch Propaganda-Offiziere der deutschen Armee und begleitet von eigens gestellten Übersetzern bekamen so auch Redakteure der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung Dortmund  – wie aber auch aller anderen Dortmunder Tageszeitungen – die Möglichkeit zur interkulturellen Begegnung, die allerdings nicht auf Augenhöhe stattfand.

“Blicke in den Weltkrieg” heißt bezeichnenderweise ein Artikel in der Dortmunder Parteizeitung, der im März 1915 das Schicksal der an der Front gefangenen Inder in Lille (Nordfrankreich) zum Thema macht. “Der Mongolentyp, ein Ghurka, hatte ein Auge verloren. Bei seinem Anblick war mir klar, daß man im Anfang des Krieges diese Ghurkas mit Japanern verwechseln konnte“, so Dr. Adolph Köster, Kriegsberichterstatter der Dortmunder Arbeiter-Zeitung. Ethnografische Beschreibungen der Fremden waren praktisch in allen Dortmunder Tageszeitungen gleichermaßen beliebt.

Köster, der spätere SPD-Außenminister (1920), weiter: “Ich habe Zeit, die Inder in Ruhe zu betrachten. Es sind Angehörige fast aller Kasten. Einer von ihnen rechnet sich zur höchsten Kaste, der der Brahmanen. Er macht durchaus nicht den intelligentesten Eindruck“. Eine wiederholt auftretende Besonderheit der sozialdemokratischen Perspektive: Die Soldaten des Proletariats – egal ob aus Deutschland, Frankreich, Rußland, Afrika oder Asien – werden als lebensklug und flink, Offiziere, koloniale Unteroffiziere oder eben auch Brahmanen eher als überfordert und träge dargestellt.

Dachte der Inder vielleicht, wozu er in diesen Krieg geschleppt war? Dachte er, was er in diesem kalten nassen flämischen Lande sollte? Dachte er vielleicht an seine warme Heimat?

Für den Redakteur der Dortmunder Arbeiter-Zeitung war klar, dass die indischen Soldaten nicht freiwillig in den Krieg zogen und also eigentlich sogar verschleppt wurden. Scheinbar mitfühlend versetzt sich der Redakteur in die mißliche Lage der indischen Soldaten in einem fremden Land. In einer Reihe ähnlicher Berichte in Lokalzeitungen werden die kolonialen Soldaten als verführte “Opfer” des britischen bzw. französischen Imperialismus dargestellt. Zugleich wird aber auch immer wieder die Zügellosigkeit, Triebhaftigkeit, Gefährlichkeit, militärische Gewandtheit usw. herausgestellt.

Die deutschen Wachtsoldaten behandelten ihre Gefangenen zutraulich und ohne den Haß, mit dem zuhause mancher deutscher Bierbankstratege diese verführten Söhne eines armen und doch so reichen Landes verfolgt”. Ob die kolonialen Soldaten als Gefangene an der Front tatsächlich gut oder schlecht behandelt worden sind, kann nicht allgemein beantwortet werden. Unter den Bedingungen der Militärzensur ist klar, dass in Tageszeitungen deutsche Wachsoldaten immer als gewissenhaft und zuvorkommend dargestellt wurden – oder die Zensur hätte mit Verboten eingegriffen, was bei der sozialdemokratischen Zeitung mehrfach passierte. Aufschlussreich ist aber die Erwähnung des Hasses der heimischen “Bierbankstrategen” gegen die kolonialen Soldaten. Aufgestachelt durch die “Rassekrieg”-Propaganda der politischen Rechten wurde eine erniedrighende Behandlung bis hin zur physischen Liquidierung der kolonialen Soldaten gefordert.

Die nachfolgenden Ansichtskarten zeigen Kolonialsoldaten der britischen und französischen Armee als verführte, unterdrückte und zwangsrekrutierte Männer, die von der Kolonialmacht als Kanonenfutter in einen Krieg fern der Heimat geschickt wurden. In der Propaganda wurden sie manchmal – aber keinesfalls immer – in rassistischer Weise als primitive Monster dargestellt, die aus der Perspektive deutscher Soldaten keine würdigen Gegner im Krieg sein konnten. Bei den Motiven der Gefangennahme jedoch überwiegen die Darstellungen der armen, unglückseligen Opfer.

Weitere Informationen und Ansichtskarten in Kürze

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Quellen:

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. München 2014

Christian Koller: “Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt”. Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914-1930). Stuttgart 2001

Jochen Oltmer: Kriegsgefangene im Europa des Ersten Weltkriegs. Paderborn 2006

Arbeiter-Zeitung, Dortmund, 1914/15

Dortmunder Zeitung, 1914/15

Generalanzeiger für Dortmund, 1914/15

 

 

 

 

 

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