Sturmangriff der Afrikaner in einem Birkenwald

Sturmangriff der Afrikaner in einem Birkenwald

Fiktion 1912: In einem Birkenwald bei Dortmund besiegen 50.000 Afrikaner das Deutsche Reich

Im Jahre 1912 veröffentlichte Major de Civrieux in Frankreich die prokoloniale Propagandaschrift “Der Untergang des Deutschen Reiches. Die Schlacht auf dem Birkenfeld in Westfalen 191…“, die für Mitte der 1910er Jahre den Schauplatz der Entscheidungsschlacht zwischen Frankreich und Deutschland in den Großraum Dortmund verlegt. Afrikanische Elitesoldaten besiegen das Deutsche Reich. Noch im gleichen Jahr wird die Schrift übersetzt und im Deutschen Offiziersblatt veröffentlicht. Ein “eitles Phantasiegebilde“, meint der Herausgeber im Vorwort, und fährt fort, dass zahlreiche Schriften in Frankreich erschienen seien, die den Zukunftskrieg gegen Deutschland behandeln.

Doch nicht nur in Frankreich sondern auch in Deutschland hatten Schriften dieser Art Hochkonjunktur. In dem 1913 veröffentlichten Buch “Deutschland und der nächste Krieg” sieht General Friedrich von Bernhardi (ehemaliges Mitglied des Generalstabs) die Alternative “Weltmacht oder Niedergang” und fordert auf dem Weg zur Weltmacht die “Gewinnung neuer Kolonien” und die Rekrutierung von Kolonialtruppen für den Kampf gegen Frankreich. Seestern schreibt in “1906. Der Zusammenbruch der alten Welt“, dass der fiktive Krieg der Großmächte zu einem großen islamischen Aufstand führe, der sich über ganz Afrika ausbreite. Durch die Aufstände in Afrika und Asien würden die europäischen Mächte zum Friedensschluss gedrängt, um gemeinsam ihre Kolonien zurückerobern zu können. Diese Schriften dienten insofern bewusstseinsbildend, als das sie über Horrorszenarien Imperialismus und Aufrüstung popularisierten.

In der Schrift von Major de Civrieux wird zudem auf eine “Straßburger Weissagung” verwiesen, nach der bereits die französische Niederlage im Krieg 1870/71 richtig vorhergesagt wurde und nach der zeitnah die Niederlage des Deutschen Reichs in einem Schlachtfeld in Westfalen eintreten werde. Der französische Sieg gründe, so der deutsche Übersetzer in seiner Vorbemerkung, auf

“die Alles niederzwingende wilde Tapferkeit der zahlreichen arabischen und schwarzen Hilfstruppen”.

Mit der Weissagung beschäftigt sich zweimal das “Zentralblatt für Okkultismus: Monatsschrift zur Erforschung der gesamten Geheimwissenschaften”, kann aber erstens keine Quelle für die Straßburger Weissagung ausmachen und bestreitet zweitens einen Zusammenhang mit der seit 1701 bekannten westfälischen Prophezeiung einer Schlacht auf dem Birkenfeld (bei Werl), die womöglich sogar schon Nostradamus erwähnt haben soll.

Bemerkenswert ist, dass es mehrere fiktionale kolonialpropagandistische Veröffentlichungen am Vorabend des Weltkrieges gibt, nach denen der Konflikt zwischen den imperialistischen Mächten jeweils in Afrika zum Kriegsausbruch führt. Nach Major de Civrieux gewinnt Frankreich die Entscheidungsschlacht durch seine afrikanischen Soldaten, die seit 1910 für den Einsatz in Europa ausgebildet wurden. Der Widerstand gegen solche Pläne war allerdings groß, aus Sicht der französischen sozialistischen Arbeiterbewegung beabsichtigte die französische Bourgeoisie, die “armee noire” bei sozialen Unruhen im Mutterland einzusetzen. Insofern liegt die Absicht der Schrift auf der Hand: Werbung für die französische Kolonialpolitik und Erhöhung der Akzeptanz der Kolonialarmee. Dortmund und Westfalen sind vielleicht  nur aus Zufall oder weil auf dem Weg nach Berlin gelegen, Schauplatz des Finales einer Fiktion.

Einige Auszüge aus dem Buch:

Auf Grund des Vertrages vom 4. November 1911 hatte Frankreich die Schutzherrschaft über Marokko übernommen. Es hatte die Zustimmung des Deutschen Reiches durch die Preisgabe eines großen Stückes des französischen Kongo erkaufen müssen, das sich mit zwei Landstreifen bis an die Grenzen des belgischen Kongostaates erstreckt. Unverzüglich war Deutschland daran gegangen, eine Eisenbahn von der Küste bis Bonga zu bauen, also bis an das Ufer des großen Stromes.

Der historische Hintergrund ist sinngemäß durchaus richtig. Im Deutschen Koloniallexikon steht zu Bonga: “Die Vegetation des ganzen Gebietes ist dichtester Urwald, der schwer zu durchdringen sein wird. Am südlichen Ende des Ssangazipfels liegt Bonga am Kongo, ein aus einigen Hütten bestehender elender, sehr ungesunder Ort, der aber wegen seiner Lage für unsere Kolonien Wichtigkeit erlangen wird.”

Aufgrund der “Gefährdung des Kongostaates durch Deutschland” erklärt der britische Premierminister, daß jede Bedrohung des belgischen Kongostaates als Kriegsfall betrachtet werden müsse. Die deutsche Reichsregierung antwortete auf diese Kundgebung damit, daß sie 10 große transatlantische Dampfer bereitstellte, um 10.000 Mann mit der erforderlichen Artillerie nach Kamerun zu schaffen. Aber gerade zur gleichen Stunde, als diese Truppen auf der neuen Eisenbahn die Ufer des Kongo erreichten, zerstörten die englischen Geschwader vor der Eidermündung die deutsche Kriegsflotte …

Anmerkung: Die Eisenbahn war 1912 noch nicht fertig gestellt. Aber es handelt sich ja auch um eine Fiktion.

Die französische Armee bestand aus 6 Armeekorps: I., II., III., IV., XXI. (Kolonialkorps), XIX., letzteres eine „Elitetruppe“, die erst seit einigen Jahren ganz besonders im Hinblick auf den zu erwartenden europäischen Krieg neu zusammengestellt worden war und aus arabischen, marokkanischen und schwarzen Truppen im Dienste Frankreichs bestand. Diese unübertreffliche Reserve, würdig ihrer Vorgängerin, der Kaiserlichen Garde, zählte 50.000 Mann, Krieger von Geburt und Beruf.

Frankreich begann 1910 mit dem Aufbau der Kolonialarmee. Sie mit der “Kaiserlichen Garde” gleichzusetzen zeugt von der propagandistischen Absicht. Dass sie “Krieger von Geburt” seien, nimmt Bezug auf die europäische Theorie der “martial races”, zu denen etwa Marokkaner, Gurkhas oder schottische Highlander gezählt wurden.

Bereits am dritten Mobilmachungstage in den afrikanischen Häfen eingeschifft, befanden sich diese Truppen jetzt schon auf dem Bahntransport auf den Mittelmeerlinien. Gleich auf dem ersten Schlachtfelde sollte ihr Eingreifen den Kampf zum siegreichen Ausgang bringen. Während der Nacht waren 30.000 Araber und Schwarze zusammengezogen worden. Heldenhaft war der Angriff, furchtbar das Ringen. Aber vor der wilden Tapferkeit der Afrikaner brach selbst die deutsche Zähigkeit.

Im französischen wie im deutschen Kontext wird die “Wildheit” stets betont, Elitetruppen und dem Vergleich zur Kaiserlichen Garde zum Trotz.

… überschritten die afrikanischen Truppen und ein englisches Korps den Rhein. Diese 100.000 Mann Elitetruppen bemächtigten sich auf dem rechten Ufer des großen Bogens zwischen Rhein und Ruhr von Düsseldorf bis Kettwig. Am 15. Oktober brachen die afrikanischen und englischen Korps aus ihren Stellungen, die sie zur Bildung des Brückenkopfes eingenommen hatten, auf, gingen auf das rechte Rheinufer über und besetzten Essen mit den riesenhaften Fabriken Krupps. Ihre Kavallerie wurde auf der Straße nach Dortmund vorangetrieben.

Also geradewegs über die B1.

Dortmund und Westfalen

Am 21. Oktober 191.. begann mit Tagesgrauen der riesenhafte Kampf, von dessen Ausgang das Schicksal Europas abhängen sollte. Bereits mit Tagesanbruch schleuderte eine unabsehbare deutsche Artillerielinie, die westlich Unna aufgefahren war, ihre Geschosse auf die französischen Stellungen, deren Mitte sich auf die Stadt Dortmund stützte. Um die Mittagsstunde stand Dortmund in Flammen. Ungeheure Rauchwolken, durch den Westwind getrieben, lagerten sich über die Ebene.

 

Mit Einbruch der Dunkelheit war Dortmund, das in Trümmern lag, im Besitz des kaiserlichen Heeres. Das ganze französische Heer hatte eine Rückwärtsbewegung ausgeführt und sich in der starken Stellung auf der Hochfläche von Kastrop von neuem festgesetzt, die bereits im voraus ausgesucht und ausgebaut worden war. An dieser Stellung von Kastrop sollten aber alle Anstrengungen des deutschen Heeres scheitern.

Gemeint ist wohl der Höhenzug bei Castrop-Frohlinde, mit schönem Blick über die Gaststätte “Tante Amanda” hinweg auf Dortmund. Man kann dem französischen Verfasser eine gute Ortskenntnis nicht absprechen.

Kaiser Wilhelm zog die II. Armee in die Linie Hamm – Unna zurück. Mit Tagesanbruch des 28. Oktober, begann das gewaltige Drama. Mitten in der westfälischen Ebene, halbwegs zwischen Hamm und Unna, erhebt sich ein Höhenzug, der weithin das Flachland beherrscht. … An dieser Stelle hatte Kaiser Wilhelm sein Hauptquartier aufgeschlagen.

Vielleicht zwischen Altenbögge und Rottum, jedenfalls auf dem Haarstrang, von wo aus bei guten Sichtbedingungen den Dortmunder Fernsehturm zu erkennen ist.

Auf der Schlachtfront Hamm – Unna schwankte die Wage des Kampfes immer noch unentschieden hin und her. Da – am Abend des 29. Oktober gerade als die letzten Sonnenstrahlen die mageren Stämme des Birkenwäldchens beim Kaiserlichen Hauptquartier mit Purpur säumten – erfüllte ein furchtbares Getöse die Ebene, über die sich schon das düstere Schweigen des Todes gesenkt zu haben schien. Unter einem betäubenden Artilleriefeuer stürmten 50.000 Afrikaner heran, todesverachtend, hinter sich eine breite Gasse von Leichen lassend. Wie die Teufel stürzten sie unter wildem Schlachtgeschrei vorwärts. Alles brach vor ihnen zusammen, ja sogar manche Bataillone machten, von Schrecken ergriffen, Platz, um diesen Dämonen des Krieges freie Bahn zu lassen.

Teufel, wild, Dämonen … nicht nur in der deutschen Übersetzung, sondern auch im französischen Original wird das Wörterbuch des Rassismus benutzt. In Großbritannien, Frankreich und Deutschland lassen sich vergleichbare Stereotypen und europäische rassistische Denkstrukturen erkennen.

Der Sturm drang in Richtung auf das Kaiserliche Hauptquartier vor. Der Kaiser stand vor seinem gepanzerten Haus und sah ihn herannahen. Wie Napoleon bei Eylau konnte er sagen: “Wollen wir uns durch dieses Volk da verschlingen lassen?”

Die Antwort wird “aus Gründen der Pietät” in der deutschen Übersetzung nicht abgedruckt: Afrikanische Kolonialsoldaten besiegen die deutsche Armee, Kaiser Wilhem II. kommt dabei ums Leben, das Deutsche Reich endet.

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Quellen:

de Civrieux: “Der Untergang des Deutschen Reiches. Die Schlacht auf dem Birkenfeld in Westfalen 191…“, Oldenburg 1912

Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon, Leipzig 1920. 3 Bde.

(General) Friedrich von Bernhardi: Deutschland und der nächste Krieg. Berlin 1913

Seestern (Ferdinand Grautoff): “1906. Der Zusammenbruch der Alten Welt. Leipzig 1905

Zentralblatt für Okkultismus: Monatsblatt zur Erforschung der gesamten Geheimwissenschaften. Ausgaben Juli 1912 und März 1913

 

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