Dortmunds sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung berichtet 1914 über die „Sklavenarbeit“ der „schwarzen Proletarier“ in den Westafrikanischen Kakaoplantagen für das „feine, bekömmliche Produkt“. Die „Wahrheit über die kapitalistische Kolonialpolitik“.

„Wen macht die Banane krumm“, lautete die bekannteste Frage entwicklungspolitischer Bildungsarbeit der 1970er Jahre, mit der auf den Zusammenhang von Konsum und Produktionsbedingungen hingewiesen wurde. Ganz ähnlich – „Wen tötet der Kakao“ - fragte die Rheinisch-Westfälische Arbeiter-Zeitung aus Dortmund bereits 1914 und veröffentlichte einen bemerkenswerten Artikel, der ein frühes Zeugnis abgibt vom Zusammenhang des Konsums in Deutschland und der Ausbeutung der Arbeitskräfte in den Erzeugerländern. Mehr noch: Ein Nachweis des Blicks der (männlichen) weißen Arbeiterklasse in Deutschland auf die schwarzen Proletarier in den Kolonien, die nun beide das internationale Proletariat bilden.

Kakao und Schokolade in Dortmund

Kakao und Schokolade, das „feine, bekömmliche Produkt“, wie die Arbeiter-Zeitung mit Blick auf die Produktionsbedingungen ironisch formuliert, ist im Jahre 1914 kein Luxus-Produkt nur der Wohlhabenden in Dortmund. Vorbei ist bereits die Zeit, in der noch eine einzelne Kolonialwarenhandlung, wie die von C. Lorenzen am Brüderweg 18, eigene Schokolade und Kakao annonciert (s. Adressbuch für den Landkreis Dortmund 1900). Bereits im Jahre 1902 wurden per Schiff über den Dortmunder Kanal-Hafen 24 Tonnen Kaffee und Kakao importiert (vgl. Hafen-Umschlagstatistik, Jahresbericht der Handelskammer Dortmund 1903). Verarbeitet wurde der Kakao z. B. in der Kakao-Fabrik von Theodor Reichardt, Westenhellweg 80 (Dortmunder Adressbuch 1911). Oder getrunken in den „Kakao-Stuben“ von Emma Wittler, Markt 19, oder Helene Voß, Hansastr. 42 (Dortmunder Adressbücher 1902 und 1909).

Mit der Beschaulichkeit war es rasch vorbei: Große Unternehmen wie Hildebrand aus Berlin hatten bereits Vertriebsketten deutschlandweit und so bis nach Dortmund aufgebaut und boten „Deutschen Kakao“ und „Deutsche Schokolade“ an, „vorrätig in allen mit unseren Plakaten versehenen Geschäften“, z.B. auch bei Althoff (heute Karstadt), Westfalens größtem Kaufhaus (Dortmunder Zeitung, 18.02.1906). Aber auch die Dortmunder Vereinigung der Kolonialwarenhändler bot in großflächigen Anzeigen ihren EDEKA-Kakao an (z.B. General-Anzeiger für Dortmund, 25.05.1912). Wer fragte 1914 schon nach der bitteren Produktion der süßen Schokolade?

“Ein Komplott des Schweigens”

Zehntausend Tonnen Kakao und damit ein Viertel seines gesamten Gebrauchs beziehe Deutschland aus den portugiesischen Inseln St. Thome und Principe. Über die Bedingungen, unter denen das deutsche und englische Kapital dieses Produkt produzieren lasse, sagt die Arbeiter-Zeitung: „Verschweigst du meinen Skandal, so verschweige ich deinen Skandal“ und fasst damit das Verschweigen der „Greueltaten, die alljährlich in den Kolonien aller kapitalistischen Staaten verübt werden“ zusammen. Es habe sich ein „gewisses Solidaritätsgefühl in der kapitalistischen Presse herausgebildet”.

Der Solidarität der weißen Ausbeuter aller Nationen im Verschweigen der kolonialen Greueltaten gilt es im Interesse des internationalen Proletariats entgegenzutreten“.

Die Tatsachen müssten aus den Spalten wenig gelesener Revuen humanitärer Kolonialpolitiker in die „Spalten der Arbeiterpresse übertragen werden, wo sie zu Millionen sprechen und ihnen die Wahrheit über die kapitalistische Kolonialpolitik verkünden“. Wie sah die “Wahrheit” aus?

“Der Golgathaweg zu den Kakao-Inseln”

Der Artikel beschreibt den Weg der Sklaven bzw. Kontraktarbeiter aus der portugiesischen Kolonie Angola nach St. Thome und Principe, wo „das Kapital nach Arbeitern schmachtet“. Obwohl die Sklaverei formell aufgehoben sei, würden die Sklaven von ihren „Häuptlingen für Gewehre und Schnaps verschachert“ und von den portugiesischen Händlern nach den Kakao-Inseln verfrachtet. Als Zeuge einer solchen Sklavenkarawane wird der Baseler Missionar Solin zitiert: „War die Karawane oft über 1.000 Köpfe stark, so begann die oft 100 Tagereisen dauernde via dolorosa der aneinander gefesselten Menschenherde durch das Hungerland, wobei die Unternehmer schon zufrieden waren, wenn auch nur 3 von 10 Seelen am Leben blieben“. Der Missionar Ch. A. Swan habe 1908 die Wege zu den Sklavenhäusern so beschrieben: „Die schreckliche Mischung von Rumflaschen, Fesseln und bleichenden Gebeinen genügte, um von dem Anblick krank zu werden“.

Freier Kontrakt oder Sklavenarbeit?

An der Küste angekommen, würden die „Sklaven“ vor einem portugiesischen Beamten bezeugen, dass sie sich frei nach St. Thome verdingen. Ein Beamter wird zitiert: „Wehe dem Beamten, welcher es wagen sollte, sich gegen die Ungerechtigkeit der Händler mit schwarzem Fleisch zu erheben. Er wäre ein verlorener Mann.“ Der Schwarze stimme dem Kontrakt unwissentlich zu, er verstehe „nichts von dem, was vorgeht“.

Auf der Grundlage eines solchen Kontraktes kämen die Angolaner nach St. Thome. Obwohl das Klima relativ gesund sei, „sterben bis zu 14 Prozent der Sklaven jährlich aus“ und 4.000 müssten jedes Jahr als „frische Ware“ eingeführt werden. Von 1887 bis 1908 habe „kein einziger den Weg ins Vaterland zurück“ gefunden. Erst seit dem Jahre 1910 würde die Rückreise mit allerlei Erschwernissen verbunden ermöglicht, aber gleichzeitig in diesen Jahren doppelt so viele „Sklaven“ neu eingeführt. Die Rückkehrer würden mittellos an den Küsten Angolas ausgesetzt. Dazu die Arbeiter-Zeitung:

Als Kinder verließen sie ihr Vaterland, sie kehren als Greise zurück, ausgepresst, kraftlos, zu keiner Arbeit mehr fähig, dem Hungertode geweiht“.

Nur Portugal?

Die bürgerliche Presse in Deutschland verschweige diese „Bilder des Elends“. Denn: „Würde sie sich entrüsten, wie nahe würde es da liegen, auch über die Lage der Arbeiter in den Minen Deutsch-Südwestafrikas, beim Bahnbau in Deutsch-Ostafrika zu berichten. Denn selbst, wo die Sklaverei formell nicht existiert, wird die „freie Arbeit“ der Schwarzen nicht viel besser behandelt, als die der Sklaven in den portugiesischen Kolonien. Die Wehrlosigkeit des schwarzen Proletariers macht ihn zum Sklaven des Kapitals, ob er Sklave genannt wird oder nicht.“ Diese moderne „Sklavenzüchterei“ habe für die gesamte kapitalistische Kolonialpolitik typische Bedeutung.

Die Dortmunder Arbeiter-Zeitung referiert im Wesentlichen einen Artikel aus der „Kolonialen Rundschau“, dem führenden wissenschaftlichen Organ der Deutschen Kolonialbewegung, die sich ihrerseits auf Quellen der englischen Antisklavereibewegung bezieht. Eine merkwürdige Konstellation, die am wohl ehesten damit zu erklären ist, dass einige Akteure der deutsche Kolonialpolitik beabsichtigten, Teile des maroden portugiesischen Kolonialreiches in Afrika zu übernehmen. Dafür wurden dann auch solche Informationsquellen genutzt, die der deutschen Kolonialbewegung ansonsten eher nicht opportun erschienen.

Lernziel “Weltproletariat”?

Der Artikel beschreibt die mit Mitteln des deutschen Kapitals florierende Produktion des Roh-Kakaos in den portugiesischen Kolonien. Dem Genuß des feinen bekömmlichen Produkts in Deutschland werden die bitteren unbekömmlichen Arbeitsverhältnisse gegenüber gestellt, gipfelnd in der metaphorischen und reißerischen Überschrift „Kakao aus Menschenknochen“. Das Grundmuster der sozialdemokratischen Pressearbeit aus dem Jahre 1914 entspricht in etwa bereits dem “modernen” Bild: „Vom bitteren Kakao zur süßen Schokolade“.

Ein Artikel, geschrieben auch vielleicht mit der Absicht, die politischen Fronten auszudehnen: Nicht mehr nur Klassenkampf vor Ort, sondern weltweit. Auf der einen Seite dabei die weißen Ausbeuter aller Länder – die Kapitalisten -, auf der anderen Seite die Opfer des Kapitalismus, gleich ob Industriearbeiter in Dortmund oder Plantagenarbeiter in der Kakao-Produktion.

Unausgesprochen, aber doch gedanklich mitschwingend: Der unterstellten Wehrlosigkeit des schwarzen Proletariats wird die wehrhafte weiße Arbeiterklasse mit der Sozialdemokratie als Verteidigungsmacht gegenüber gestellt.

An einem exemplarischen Beispiel wird die Logik der „weltumspannenden kapitalistischen Kolonialpolitik“ des Jahres 1914 aufgezeigt. Auch die – aus eurozentrischer Sicht – Ränder der Welt werden der kapitalistischen Ausbeutung unterworfen und die Arbeiter auf den Plantagen werden zum neuen Proletariat. Dadurch mutiert auch der ”koloniale Blick”: Aus dem “Heiden”, “Wilden” und “Sklaven” wird für die einen der “schwarze Proletarier”, für die anderen hingegen – zeitlich nur wenig später – der “Unterentwickelte”.

In einer Zeit, in der der historische europäische Kolonialismus als Erfolgsgeschichte der Modernierung dargestellt wird, erinnert der Artikel daran, dass es in der Arbeiterpresse durchaus nicht an Klarheit bezüglich der “wahren” Ziele und Methoden der Kolonialismus gefehlt hat.

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