Mit Beginn des 1. Weltkriegs wurde die Dortmunder Industrie auf „Kriegswirtschaft“ umgestellt. Wichtige Kriegsziele waren die Versorgung v.a. mit Eisenerz und Mineralöl – die deutschen Kolonien waren dafür irrelevant. Seit Ende der 1870er Jahre war die Handelskammer Dortmund eine treibende Kraft der Kolonialbewegung und es verging kaum ein Jahr, ohne dass sich die Handelkammer der Kolonialpolitik zuwandte. In Kriegszeiten schweigt die Handelkammer Dortmund zum Kolonialismus (um sich dann aber kurz nach Kriegsende wieder zu einer Stütze des Kolonialrevisionismus der Weimarer Republik aufzuschwingen).

Statt Mission: Kriegsliebesdienst

Mit Kriegsbeginn stellten die evangelischen und katholischen Missionsvereine in Dortmund ihre Arbeit um. Die typische Tätigkeit, das Sammeln von Geld für die Mission bzw. das Anfertigen von Produkten für Missionsbasare, wurde eingestellt oder besser gesagt: Der Sammlungszweck wurde abgeändert. Ab August 1914 trafen die Missionsvereine zwar weiterhin in gewohnter Weise zusammen, aber die Arbeiten wurden von nun an für den „Kriegsliebesdienst“, v.a. für das Rote Kreuz, entrichtet.
Kriegsbedingt wurden auch die inzwischen traditionellen Missionsfeste abgesagt und von den Missionsvereinen stattdessen Kriegsandachten gehalten. Missionare, die zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns auf Heimaturlaub waren und nicht wieder ausreisen konnten, besuchten die Missionsvereine und versuchten damit, die unterbrochene (indirekte) Kommunikation von Heimatgemeinde und Missionsgebiet aufrechtzuerhalten.
Eine Veranstaltung der Dortmunder Ortsgruppe des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins im April 1915 mit dem Titel „Das Schicksal unserer Kolonie Kiautschau und die Zukunft der deutsch-christlichen Interessen in Ostasien“ kann als typisch gelten: Eine Reihe von Veranstaltungen thematisierte den „Verlust“ bzw. die militärische Niederlage in den Kolonien, jedoch fast immer unter dem Blickwinkel ihrer Bedeutung für die „angestammten deutsch-christlichen Missionsgebiete“.

Die Kolonialbewegung im Krieg

Die organisierte, männlich dominierte Kolonialbewegung in Dortmund stellte ihre Arbeit – soweit derzeit bekannt – weitgehend ein. Der Hauptgrund lag vermutlich darin, dass die wichtigsten bürgerlichen Akteure in den Kriegsdienst eingezogen wurden. Der Vorsitzende der Abteilung Dortmund der Deutschen Kolonialgesellschaft, Generalleutnant von Harbou, fällt bereits 1914 in Frankreich (beerdigt mit einem heute noch bestehenden Ehrenmal auf dem Südwestfriedhof). Kurz vor Kriegsende 1918 arbeitet die Dortmunder Kolonialbewegung mit der SPD zusammen.

Dortmund, die Türkei und der Rote Halbmond

Bündnispartner des deutschen Reichs im 1. Weltkrieg war die Türkei. So darf nicht überraschen, dass die Dortmunder Stadtverordneten-Versammlung dem türkischen Roten Halbmond dreimal einen Betrag in Höhe von 3.000 Mark bewilligte. In den evangelischen Kirchengemeinden wurden „Vaterländische Reden und Vorträge“ gehalten u.a. mit dem aus der Türkei stammenden Ingenieur Santo Bey de Semo über „Türkische Sitten und Frauen“ und „Mesopotamien in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft“. Aufschlussreich auch, dass in den Kriegsjahren keine Veranstaltung zu den Armeniermassakern verzeichnet werden kann, nachdem doch seit den 1890er Jahren in Dortmund immer wieder von Mitarbeitenden der evangelischen Orientmission über Massaker an Armeniern berichtet wurde und Kollekten „für das armenische Waisenkind“ gesammelt wurden. Das osmanische Reich ist Bündnispartner – die deutsche Regierung schweigt zum Völkermord und die evangelischen Gemeinden ebenfalls.

SPD wünscht Kaiser Wilhelm zum Abschied “Gute Fahrt nach Afrika”

Kurios am Rande: Einen Tag nach Abdankung des Kaisers veröffentlichte der evangelische Kirchliche Anzeiger in Dortmund einen Artikel mit Huldigungen an Kaiser Wilhelm II, geschrieben von afrikanischen Schülern aus evangelischen Schulen in den deutschen Kolonien. „Wilhelm von Hohenzollern wird höchst erfreut sein, dass wenigstens die Neger noch an ihn glauben“ schrieb die sozialdemokratische Arbeiterzeitung und wünschte dem abgedankten Kaiser „Glückliche Fahrt nach Afrika“.

Eine Woche vor Abdankung des Kaisers startete im Dortmunder Palast-Theater, Brückstr. 44, der neue Film „Im deutschen Sudan“. In einer Ankündigung hieß es: „Leutnant Schomburgk, der bekannte Afrikaforscher und Grosswild-Jäger wird persönlich sein selbstaufgenommenes Filmwerk vorführen und durch fesselnden humorvollen Vortrag beleben“. Schomburgk, Kriegsfreiwilliger im Burenkrieg und später im Kolonialdienst, startet seine Karriere, wird einer der wichtigen Akteure des Kolonialrevisionismus (z.B. als Autor in der Jugendzeitschrift Jambo) und gilt bis in die 1950er Jahre als der deutsche Afrikafilmer und Tierexperte, bis er schließlich von Bernhard Grzimek abgelöst wurde. Deutschland besitzt keine Kolonien mehr, aber damit startet erst die Bilderflut, auch im Genre Tierfilm.

SPD-Zeitung veröffentlicht pro-koloniale Aufrufe

Die Dortmunder sozialdemokratische Presse war traditionell Gegner der kapitalistischen Kolonialpolitik. Das änderte sich gegen Ende des Kriegs im September 1918: Erstmals veröffentlicht die Dortmunder Parteizeitung Aufrufe für die Kolonien bzw. für die Kolonialkrieger-Spende, initiiert von den Spitzen der deutschen Kolonialbewegung und mitunterzeichnet von der Dortmunder Kolonialbewegung. Mit Anzeigen und redaktionellen Texten wurde am Vorabend der Ausrufung der deutschen Republik auf Vorträge von Hauptmann Gruner über Togo oder auf ein Kolonialkrieger-Wohltätigkeitskonzert der Jugendkapelle der Stadt Dortmund hingewiesen.

Am 21.09.1918 veröffentlichte die Dortmunder Arbeiter-Zeitung einen Artikel über „Deutsche Kolonial-Greuel“ und führt darin aus: „Die deutsche Sozialdemokratie hat vieles von dem, was in deutschen Kolonien vorgekommen ist, scharf verurteilt. Das hindert sie aber nicht, der Auffassung zu sein, daß der englischen Presse, wenn sie das Bedürfnis fühlt, ihre Leser mit der Ausgrabung von Kolonialgreueln zu unterhalten, die englische Kolonialgeschichte eine bedeutend reichere Fundgrube bieten würde als die deutsche.“ Die SPD Dortmund – nun nicht mehr antiimperialistisch sondern relativierend und „vaterländisch“. Die antikolonialen Kräfte sind bereits in der USPD zu finden.

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