W. Millowitsch gastierte in Dortmund mit der Komödie „Tünnes in Deutsch-Südwestafrika“ („wahre Lachstürme“, berichteten die Tageszeitungen). Hintergrund: Der Deutsch-Namibische-Krieg in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) brach Anfang 1904 aus. In seinem Verlauf wurde neueste deutsche Waffen- und Nachrichtentechnologie eingesetzt und eine genozidale Kriegsführung praktiziert, der bis zu 80% der Herero und 50 % der Nama zum Opfer fielen. Was wusste man in Dortmund über den Völkermord?

Demonstrationsaufruf 1. Mai 1904:

“Gegen die deutsche Kapitalistenpolitik in Südwestafrika mit ihren blutigen Opfern demonstrieren wir an diesem ersten Mai”.

Die SPD Dortmund sprach der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion für ihr Verhalten bei der Abstimmung zur Kolonialfrage ihren Dank aus. Sie hielt es für selbstverständlich, dass für „Taten, wie sie in den heutigen Kolonien verübt worden sind, unter keinen Umständen die Steuergroschen des deutschen Volkes bewilligt werden dürfen“. Die SPD gewann in Dortmund die Reichstagswahl 1907 mit der Wahl-Parole “Gegen die Tollheit der deutschen Kolonialpolitik“. Sie führte einen kolonialkritischen Wahlkampf mit 28 Volksversammlungen unter dem Motto:

Keinen Groschen für die verbrecherischen Kolonialkriege”!

Nach Ende des Krieges schreibt die Dortmunder Arbeiterzeitung mit Verweis auf den Vernichtungsbefehl: „Die Hereros sind zum größten Teil ausgerottet“. Oder: „Es ist grauenhaft, wie die Eingeborenen jeglicher Rechte in ihrem eigenen Lande beraubt werden. Und dann wird der Welt weis zu machen versucht, man wolle jenen Völkern Kultur bringen. Wer will es den Eingeborenen verdenken, wenn sie zum Wanderstabe greifen, nach den englischen Kolonien auswandern. Man kann es ihnen nicht einmal verdenken, wenn sie bei nächster Gelegenheit wiederum in heller Rebellion sich gegen die deutschen Unterdrücker und Peiniger wenden.“

„Kolonialpolitiktreiben bringt nicht nur Freude und Geld“,

schrieb hingegen die Handelskammer Dortmund in ihrem Jahresbericht 1904. „Doch glücklicherweise“ so die Handelskammer, „ist das deutsche Volk mit Ausnahme derjenigen, die gewohnheitsgemäß mit allen Feinden des Reichs sympathisieren, seien es kontraktbrüchige Kreolen, Boxer, Anarchisten oder schwarze Mörder, einig darin gewesen, daß diese Opfer an Gut und Blut bis zum vollständigen Siege, d.h., solange gebracht werden müssten, bis in allen Teilen der Kolonie wieder die schwarz-weiß-rote Fahne unter unbedingter Anerkennung aller Bewohner der Kolonie weht.“ Ein Jahr später, im Jahresbericht 1905 und nachdem auch die Nama rebellierten, ereiferte sich die Handelskammer über die

Sympathie der Sozialdemokratie mit den leichenschänderischen Hereros, diebischen Hottentotten und wortbrüchigen, hinterlistigen Witbois“.

In den Jahren 1904 bis 1907 stand auch in Dortmund der Krieg in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika im Mittelpunkt des kolonialen Interesses – und weit darüber hinaus: Der Krieg war Tagesthema in der Stadt. Turnvereine, Knappenvereine, Gesangs-Chöre, Hochzeitsgesellschaften, Taufen und Beerdigungen … quer durch Dortmund und über alle Vororte hinweg fanden Veranstaltungen über Deutsch-Südwestafrika statt und beteiligten sich Dortmunderinnen und Dortmunder aktiv an Spendensammlungen für die deutschen Soldaten in „Südwest“. Zum Beispiel auch die Beschäftigten von Orenstein & Koppel, die im Dortmunder Werk die Vorarbeiten zum Bau einer Eisenbahnstrecke in Südwestafrika erledigten – und wer wollte, konnte sich über die Todesraten der Herero-Kriegsgefangenen im werkseigenen Zwangsarbeiterlager informieren, denn die Berichte von Missionaren aus Südwestafrika – veröffentlicht im Kirchlichen Anzeiger – erreichten auch Dortmund.

Wie schon beim China-Krieg fanden unter Federführung des örtlichen Roten Kreuzes Spendensammlungen für die Kolonialsoldaten statt. Der Magistrat der Stadt Dortmund beteiligte sich mit 800 Mark für die „Krieger in Südwest“. Auch die damals noch selbstständige Stadt Hörde organisierte eine „Wohltätigkeitsveranstaltung – Zum Besten der in Südwest-Afrika für deutsche Ehre, deutsches Wesen und deutschen Besitz kämpfenden Schutztruppe“. Der Hörder Bürgermeister Evers:

Der Ertrag ist bestimmt, dem in fernen, heissen Zonen unter unsagbaren Anstrengungen gegen einen wilden, blutgierigen Feind tapfer ringenden Söhnen unseres Volkes eine Weihnachtsfreude zu bereiten.“

Teil des Programms des Volks-Unterhaltungs-Abends: „Lebende Bilder“ (Kriegsszenen aus Südwest), dargestellt von der Sanitäts-Kolonne und den Beamten des Postamts Hörde, unter der Leitung des Herrn Postdirektors Tietze.

Die Evangelische Kirche in Dortmund beschäftigte sich intensiv mit dem Krieg in Südwestafrika. Die Kreissynode Dortmund stellte fest: „Wir sind durch die bekannten traurigen Aufstände in dem Deutsch-Südwestafrikanischen Schutzgebiete und die zerstörenden Folgen vor tief beklagenswerte Trümmer einer schönen Missionsarbeit gestellt.“ Sie nahm die Rheinischen Missionare gegen die Angriffe der deutschen Siedler in Schutz: Die „Synode erhebt einmütig ihre Stimme für die Missionare und ihre völlig tadellose Haltung in den schweren Zeiten und ermuntert sie, in dem Werke der Mission nicht zu ermüden.“

In den Jahren 1904 und 1905 fanden in allen Dortmunder Kirchengemeinden Missionsfeste mit Missionaren aus Südwestafrika statt. Wenn auch im Detail wenig über die Veranstaltungen bekannt ist, so lassen sich doch einige bemerkenswert differenzierte, ja verblüffende, „Dortmunder“ Aussagen belegen, die die Hereros (und Nama) – im schroffen Gegensatz zum deutsch-nationalen Mainstream – als „Objekte unserer erbarmenden Liebe“ verstehen:

Besonders anziehend wirkten die Erzählungen des Missionars von dem Selbsterlebten im südwestafrikanischen Kriege. Manchem wurde doch klar, wie man trotz aller Furchtbarkeiten der jetzt nur noch einen erfolglosen Verzweiflungskampf kämpfenden Hereros doch für diese noch ein Herz haben kann und muß.“

Zur Kriegsschuldfrage:

Augenscheinlich hat sich die Wut der Hereros gegen diejenigen gewandt, die sich am Hererovolk versündigt haben“.

Über die Deutschen in den Kolonien:

Leider suchen gerade in den Kolonien in großer Zahl solche Elemente sich breit zu machen, welche habgierig und gewissenlos die Menschenrechte der Eingeborenen mit Füßen treten.

Über den Freiheitskampf:

Der Aufstand (der Hereros) ist als ein Freiheitskampf zu betrachten.“

Und: „Solch ein Macht- und Freiheitskampf ist nicht ohne weiteres als unmoralisch zu bezeichnen, es ist daher auch den Christen unter den Hereros nicht zu verdenken, daß sie in diesem Entscheidungskampfe auf die Seite ihrer Nation getreten sind. In den preußischen Freiheitskriegen wurde es bekanntlich als patriotische und christliche Pflicht gepredigt, für Freiheit und Vaterland zu kämpfen.“

Über den Ausschluß von bewaffneten Hererochristen vom Abendmahl:

Wir müssen es auch für einen Fehlgriff halten, wenn die Barmer Mission den Hererochristen ihre Beteiligung am Aufstand ohne weiteres als ein Unrecht vorhält.“

Über die kriegsgefangenen Hereros in den Konzentrationslagern:

Die Hereros werden als Gefangene gehalten. (…) Sie erhalten von der Regierung als Arbeitslohn Reis, das Fleisch gefallener Tiere, jüngst auch etwas Speck, der für die Soldaten bestimmt, aber verdorben war.“

Im Kirchlichen Anzeiger wird regelmäßig über den Krieg und über die kriegsgefangenen Hereros in den Konzentrationslagern berichtet:

„Hunderte aber, durch die vielen Entbehrungen im Felde bis zur Erschöpfung geschwächt, brechen aus Mangel an zusagender Nahrung zusammen und sterben. Vom 13.-26. d.M. starben z.B. 33 Eingeborene. (…) Unter den Kindern gibt es viele schreckliche Jammergestalten; sie haben buchstäblich zum großen Teil nur Haut und Knochen und kauern, ohne Kleidung, in eine alte Decke gehüllt …“

Die vermutlich erste Dortmunder „Altkleidersammlung für Afrika“ fand für kriegsgefangene Hereros im Konzentrationslager Haifischinsel statt.

Evangelische Christen in Dortmund waren über den Vernichtungsbefehl und die genozidale Kriegsführung informiert. In den Kirchengemeinden konnte man sich entscheiden: „Erbarmende Liebe“ für Hereros oder Weihnachtsgaben für deutsche Kriegsfreiwillige.

Nach Ende des Krieges vermerkt das Protokoll der Kreissynode 1907: „In Südwest-Afrika ist fleißig mit dem Wiederaufbau des Missionswerkes begonnen. Was unser Kleinglaube nicht zu hoffen wagte, ist eingetreten: Der Aufstand ist der Reichsgottessache nicht zum Schaden, sondern zum Segen geworden. Auch hier hat es sich wieder gezeigt:

Der Menschen Verlegenheiten sind Gottes Gelegenheiten.“

Im März/April 1907 gastierte in Dortmund auch eine volkstümliche Unterhaltungsschau aus Deutsch-Südwestafrika: Mit dabei die Farmerkapelle aus Keetmanshof, eine Militärkapelle aus Südwest, „Hereros und Bondeszwarts“ und ein Film, der den Einsatz von Herero-Arbeitern beim Bau der Eisenbahn zeigte.

Denkwürdig die Berichterstattung in Dortmunder Tageszeitungen über den Tod des (letzten) Guerillaführers Morenga: „Klug“ und „edelmütig“ sei er „auf dem Kriegspfad“ gewesen, ein Friedensvertrag und ein „Reservat“ solle man (ihm und) seinem „armen Volk“ zugestehen, ein „intelligenter Führer“ seines Volkes, das nun dem Untergang geweiht sei. Fast könnte man übersetzen: „Morenga, der letzte der Mohikaner“ … und das verwundert nun doch, dass im Tod Morengas – Staatsfeind Nummer 1 – melancholische Stereotypen über „die edlen, aber doch dem Untergang geweihten Indianer“ aktiviert wurden.

Zwischen 1904 und 1907/08 zeigt sich überraschendes: In der Dortmunder Provinz waren Vernichtungskrieg und die Behandlung der Afrikaner in den Kolonien bekannt und fanden keineswegs eine allgemeine Zustimmung. Eine kleine Meldung aus der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung über eine Episode in einer Dortmunder Bierkneipe mit einem zurückgekehrten Kolonialsoldaten mit dem Titel „Ein afrikanisches Momentbild“ drückt vermutlich die Stimmung eines Teils der Bevölkerung aus:

Saß da so ein afrikanischer Kulturträger in der bekannten Uniform und renommierte mit seinen afrikanischen Heldentaten derart, daß einige Gäste Veranlassung nahmen, dem Manne begreiflich zu machen, daß die Neger doch auch Menschen seien.

Vielleicht eine Redewendung, die 100 Jahre – mitsamt des paternalistischen Duktus – überlebt hat?

Zurück zur Übersichtsseite “Stadtgeschichte reloaded”

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Koloniale Veranstaltungen in Dortmund

Kategorien