Der Krieg im südlichen Afrika (Burenkrieg) und der Krieg in China waren die beherrschenden außenpolitischen Themen, die in Dortmund regen Widerhall fanden. Für die Dortmunder Wirtschaft eine schwierige Zeit. Aus dem Jahresbericht der Handelskammer Dortmund: „Als aber im Mai zu dem die Welt aufregenden Burenkriege der chinesische Aufstand trat, der alle Großmächte zu den Waffen greifen ließ, deren Gesandtschaften in Peking eingeschlossen gehalten und beschossen wurden (…), da stockte die Konjunktur plötzlich.“ Die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung berichtet:

Von den wirtschaftlichen Schäden, die die chinesische Patriotenerhebung verursacht, wird in besonderer Weise auch die Dortmunder Union betroffen, die einen großen Auftrag zur Lieferung von Personen-, Güterwagen und Lokomotiven von der Schantung-Eisenbahngesellschaft erhalten hatte.“

Die Dortmunder Industrie war zu diesem Zeitpunkt bereits global tätig: Südafrika und die Buren-Republiken sowie China und das deutsche Pachtgebiet Kiautschou waren wichtige Exportregionen; die deutschen Kolonien hingegen eher ein Zubrot. Nicht nur die Großindustrie wie das Eisen- und Stahlwerk Hoesch, die Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft (Dortmunder Union) oder der Hörder Verein („Phönix“) waren im südlichen Afrika und in China tätig. Die Jahresberichte der Handelskammer Dortmund weisen über 20 weitere Unternehmen aus, die in Südafrika und China tätig waren, z.B. Eisenwerke, Hütten- und Bergwerksanlagen, Eisenkonstrukteure, Kleinbahnen, Feld- und Industriebahnen, Maschinenbau, Brauereien, Kondensations- und Kühlanlagen, Gitter, Tore, Zäune, Nähmaschinen- oder Geldschrank-Fabriken.

Buren-Solidarität

Die Unterstützung der Buren entwickelte sich – angeregt v.a. vom Alldeutschen Verband mit seiner These von den „stammverwandten“ Buren – zur vermutlich größten Solidaritätsaktion in Dortmund vor dem 1. Weltkrieg. Kirchengemeinden, Soldaten-, Sport-, Knappen- oder Gesangsvereine sammelten in großer Zahl Spenden für die „Burenwitwen und -waisen“, für Hilfseinsätze des Deutschen Roten Kreuzes (nur auf Seiten der Buren) oder auch „zur freien Verfügung“ der Burenrepubliken im Krieg gegen England. Mehrere Dortmunder reisten nach Transvaal aus, um sich als Freiwillige der Burenarmee anzuschließen. Eine Anzahl evangelischer Pfarrer, Kirchenchöre und Gemeindemitglieder reisten nach Hilversum, um dem dort im Exil lebenden Präsidenten Krüger zu “huldigen” und ein „Ständchen“ vorzutragen. Gaststätten im Dortmunder Süden erhielten die Namen der unabhängigen Republiken Transvaal oder Natal. Auf großen Solidaritätsveranstaltungen traten in Dortmund Burenkommandanten auf. Mittendrin und als treibende Kräfte: Die Dortmunder Industriellen, die mit Transvaal Wirtschaftsbeziehungen unterhielten.

Die Sozialdemokratie tat sich schwer mit der Burensympathie, die bis in die Reihen der Industriearbeiterschaft hineinragte. Es galt, die Arbeiterbewegung vom alldeutschen Kurs abzuhalten.

Was die Buren für die Ureinwohner Afrikas sind, das sind die Nationalliberalen (Anmerkung: Die Regierungspartei) für die deutschen Arbeiter“,

war eins der typischen Argumentationsmuster, um klarzumachen, dass die Buren nicht die Sympathie der Arbeiterbewegung verdienten. Man möge nicht vergessen, dass „auf jeden Buren durchschnittlich zehn schwarze Sklaven oder „Diener“ entfallen“. Später hieß es dann in Dortmund mit Blick auf die Waffenlieferungen der Fa. Krupp und der zahlreichen wirtschaftlichen Beziehungen auch Dortmunder Unternehmen mit Transvaal:

Es geht dieser Krieg zu Ende: von der Börse in Szene gesetzt und von der Börse programmmäßig ausgenützt. Und die Menschenopfer, die er gekostet hat, sind ein neuer Beweis dafür, wie herrlich es in dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung zugeht.“

Krieg in China

Mit dem späten Frühjahr 1900 endete die Burensolidarität zunächst abrupt, um von dem bis dahin größten deutschen Kolonialkrieg in China abgelöst zu werden. Der sogenannte „Boxer“-Aufstand brach in China aus. Internationale Interventionstruppen schlugen den Aufstand/ die Befreiungsbewegung nieder. Feldmarschall Waldersee wurde Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in China und verantwortete zahlreiche sogenannte „Strafaktionen“, die häufig in Niedermetzelungen der Zivilbevölkerung ausarteten.

Die Walderseestraße (Namensgebung ca. 1904 unter Hinweis auf die „Chinawirren“) ist der einzige noch heute existierende Straßenname in Dortmund mit explizit kolonialen Wurzeln.

Mehr als 170 Kriegsfreiwillige aus Dortmund und Umgebung gingen nach China, begleitet von 700 Faß Bier der Dortmunder Unionbrauerei für die deutschen Interventionstruppen. Ein Brief von Adolf Itzenhorst aus Dortmund-Eichlinghofen belegt die Stimmungslage nach der Hunnenrede von Kaiser Wilhelm II:

„… und dann keine Gnade den Chinesen“.

Wie bei der Burensolidarität startete eine große Kampagne zur Unterstützung der deutschen Soldaten in China.

Die SPD-Dortmund und der “Freiheitskrieg der Chinesen”

Die Dortmunder Sozialdemokratie agitierte scharf gegen den Krieg in China. Über den „Freiheitskrieg der Chinesen“ hieß es in der Dortmunder Arbeiterzeitung: Was würden wir dazu sagen,

wenn die Chinesen Schleswig-Holstein besetzten; wenn chinesische Unternehmer in Deutschland Eisenbahnen bauten und hierzu das Land ohne Entschädigung den Grundbesitzern raubten; wenn die chinesische Regierung in Berlin chinesische Truppen unterhielte und die deutsche Regierung in jeder Weise terrorisierte. Würde nicht ein Schrei der Entrüstung und Rache durch das Land hallen und ein heiliger Krieg gegen die Fremdenherrschaft gepredigt werden?“

Am 27. Juni 1900 lud die SPD zu einem Vortrag mit dem Genossen Paul Wolf zum Thema „Die neuesten Ereignisse in Ostasien“ ein. In Dortmund wurden sogenannte Hunnenbriefe veröffentlicht, die Zeugnis abgaben von der barbarischen Kriegsführung in China. Im Aufruf zur Maifeier 1901:

Wir protestieren am 1. Mai gegen die hunnische Barbarei! In diesem Jahre unserer zwölften Maifeier, wo wir im Zeichen des Hunnenthums stehen, muß unsere internationale Demonstration für die Verbrüderung der Arbeiter aller Länder an Macht und Eindruck alle früheren Maidemonstrationen übertreffen.“

In den sieben Abendveranstaltung wurde eine Resolution angenommen:

1. Mai 1901: „Die Versammelten protestieren gegen die unsinnige Weltpolitik, die zu den verbrecherischen Raub- und Rachekriegen in Südafrika und China geführt hat.“

Die Analyse der Sozialdemokratie in Dortmund lautete: „Der Kapitalismus sucht in China, wie er es in Transvaal gethan hat, das Tempo der kapitalistischen Entwickelung zu beschleunigen. Der Krieg gegen die Buren war ein Verbrechen; der Krieg gegen China ist die Folge von Verbrechen.“ Übrigens wurde auch anlässlich der Rückkehr der Kriegsfreiwilligen in Dortmund kräftig polemisiert: Syphiliskranke Soldaten, die keine Arbeit finden, weil Unternehmen sich davor scheuen, die „Hunnen“ einzustellen.

Kolonialkrieger-Verein, Kino-Programm und Sommerschlußverkauf

Zurückgekehrte „China-Krieger“ gründeten 1901 den ersten Dortmunder Kolonialsoldaten-Verein und nahmen an Sedan-Feierlichkeiten teil. In Mehlichs Theater fanden Filmvorführungen statt: „Der Krieg in China und Südafrika“. Und im Sommerschlussverkauf 1900 hieß es in einer Dortmunder Werbeanzeige:

Der Sturm auf Peking kann unmöglich bedeutender gewesen, als der Ansturm zum Wirklichen Total-Ausverkauf“.

Gut möglich, aber unbewiesen, dass die Dortmunder Pekingstraße ihren Namen in Erinnerung an den ersten großen deutschen Kolonialkrieg erhielt.

Evangelische Synode rechtfertigt China-Missionare

Auch die evangelische Kreissynode 1900 beschäftigte sich mit dem Krieg in China und wies Vorwürfe gegen evangelische Missionare, Schuld zu tragen an dem Kriegsausbruch, zurück: „Wie unseren deutschen Soldaten in China das Lob der größten Tapferkeit von fremden Befehlshabern gespendet ist, so verdienen auch unsere Missionare das Zeugnis erfolgreichen treuen Wirkens und die angesichts der tief schmerzlichen Vorgänge in China gegen die evangelische Mission erhobenen Vorwürfe weisen wir als unbegründet auf das entschiedenste zurück“.

Stadt Dortmund unterstützt Kolonialbewegung

Die Handelskammer Dortmund und die Stadt Dortmund wurden 1902 Mitglied der Kolonialwirtschaftlichen Komitees der Deutschen Kolonialgesellschaft. Auch wenn die Handelskammer Dortmund im Jahre 1900 einer Aufforderung eines kolonial-wirtschaftlichen Komitees zur gutachterlichen Äußerung über die Gründung einer deutschen Kolonialbank ablehnte, so beschäftigte sie sich nun regelmäßig mit kolonialen Themen.

Von Deutsch-Südwestafrika nach Dortmund

Ein Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt Dortmund war 1902 der Besuch Gouverneurs von Deutsch-Südwestafrika, Oberst Leutwein, dem zu Ehren die Abteilung Dortmund der Deutschen Kolonialgesellschaft im großen Saal des Rathauses ein Festessen veranstaltete. Vor den versammelten Vertretern der Dortmunder Industrie forderte Leutwein zu verstärktem wirtschaftlichem Engagement in den Kolonien auf. Selbstverständlich trug sich Leutwein auch in das neue Gästebuch der Stadt Dortmund ein, nur kurz nach Kaiser Wilhelm II.

Das Veranstaltungsprogramm der Deutschen Kolonialgesellschaft war wie immer  „abwechslungsreich“: Über die deutsche Auswanderung nach Anatolien und deutsche Siedlungen in Kleinasien, über China, Kamerun, Samoa, Südwestafrika, die „Ostafrikanische Zentralbahn“ oder „Krieg und Frieden im deutschen Sudan“.

Hosbachstraße

Der aus Dortmund-Aplerbeck stammende evangelische Diakon und Missionar Hosbach nahm 1900 in Lutindi (Deutsch-Ostafrika, heute Tansania) die Arbeit auf. Sklavenfreistätte sagen die einen, entführte Kinder und Zwangsarbeit sagen die anderen. 67 Jahre später wurde im Stadtteil Aplerbeck eine Straße nach Hosbach benannt.

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Koloniale Veranstaltungen in Dortmund

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