Kongo, Amazonas, Kautschuk, Congo Reform Association, Menschenrechtsbewegung. Ein Sachbuch und historischer Roman des Literatur-Nobelpreisträgers. Legt er “den Finger schmerzhaft tief in die Wunde der europäischen Kolonialgeschichte”?

Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten - Buchcover

Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten - Buchcover

Unter den zahlreichen Rezensionen des „Traum des Kelten“ ragt „Das blaue Sofa“ (ZDF) noch ein wenig heraus: Mario Vargas Llosa lege „den Finger diesmal schmerzhaft tief in die Wunde der europäischen Kolonialgeschichte.“ Ein Roman, „der den Blick schärft für die bestialischen Verbrechen der Europäer und in aller Deutlichkeit zeigt, wie das menschenverachtende System der Kolonialherrschaft den Grundstein legte für weltpolitische Konflikte der Gegenwart.“ Die Kongogräuel stellten bereits zeitgenössisch den Inbegriff kolonialer Brutalität dar. Mario Vargas Llosa erinnert mit „Der Traum des Kelten“ an die Ausbeutung des Kongos und des amazonischen Peru und für dieses Entreißen aus dem allgemeinen Vergessen darf man dem Literatur-Nobelpreisträger dankbar sein – trotz einiger Schwächen.

 Zum Interview mit Mario Vargas Llosa in „Das blaue Sofa“

Eng an historischen Begebenheiten haftend, liegt „Der Traum des Kelten“ irgendwo zwischen populärem Sachbuch und historischem Roman. Mit einem fast schon anachronistisch daherkommenden moralischen Anprangerungsgestus biedert sich die Erzählung so lange an, bis die Leserinnen und Leser schließlich gleich zweimal zu einem ebenso unerwarteten wie ersehnten Happy-End geführt werden: Die Berichte des Helden führen demnach zu Verbesserungen im Kongo und in Peru.

Vargas Llosa erzählt das Leben Roger Casements, der als britischer Konsul von der britischen Regierung mit der Anfertigung eines Berichts über die Kongogräuel beauftragt wurde. Der Bericht trägt dazu bei, dass der belgische König Leopold II. seine Privatkolonie an den belgischen Staat verkaufen musste und dass brutale Praktiken – z.  B. das Abschneiden von Händen oder Geschlechtsteilen – reduziert oder ganz unterbunden wurden. Anschließend reiste Casement erneut im britischen Auftrag in das amazonische Peru, um einen Bericht über den dortigen Kautschukabbau zu erstellen, der den Praktiken im Kongo entsprach. Auch dieser Bericht ist, so Vargas Llosa, ein Erfolg, weil er zur Insolvenz des führenden und in London börsennotierten Kautschukunternehmens „Peruvian Amazon Company“ führt. Casement radikalisiert sich unterdessen und schließt sich der irischen (antikolonialen, weil Irland als britische Kolonie verstanden wurde) Unabhängigkeitsbewegung an. Bei einem missglückten Aufstandsversuch während des 1. Weltkriegs wird Casement als angeblicher Rädelsführer verhaftet und zum Tode verurteilt. Im dramaturgischen Aufbau des Buchs wechseln Passagen aus der Todeszelle mit denen aus dem Kongo, Peru und Irland.

Während Casement bereits in der Todeszelle einsitzt, tauchen geheime Tagebücher auf, die seine Homosexualität beweisen sollen. Ob die Tagebücher überhaupt von Casement stammen, ist umstritten. Sie tragen vermutlich dazu bei, das Gnadengesuch abzulehnen. Das alleine könnte nun ein schönes Thema sein – wie wird ein politischer Gegner mittels Vorwurf der Homosexualität „fertig“ gemacht – aber Vargas Llosa druckst, auch in den kurzen Passagen am Kongo und in Peru, herum und lässt seinen Protagonisten dann auch noch in der Todeszelle (scheinbar sexuell stimuliert) von seiner geliebten und früh verstorbenen Mutter träumen – an diesen ödipal verquasten Passagen sollte man sich nicht lange aufhalten.

Vargas Llosa „verbaselt“ zwei weitere interessante Geschichten: Zum Einen die Darstellung des Wandels Roger Casements vom naiven, gutgläubigen Anhänger der „zivilisatorischen Idee“ des britischen Imperialismus zu einem frühen antikolonialen Kritiker und zum Anderen den Wandel zum irischen Nationalisten. In beiden Fällen bleibt das Buch ausgesprochen schwach. Casement sammelt Informationen im Kongo und plötzlich (!) verarbeitet er sie in einem kolonialkritischen Sinn. Wie konnte er das? Gab es Auslöser? Casement sieht – auf Grund seiner kolonialen Erfahrungen? – Irland plötzlich (!) als Kolonie an. Was könnte Casement zu einer solchen Analyse veranlasst haben?

Wer eine spannende historische Erzählung á la „Der Krieg am Ende der Welt“ erwartet oder gar eine vertrackte Geschichte mit für die Leserinnen und Leser herausfordernden Perspektivwechseln á la „Das grüne Haus“, der/die wird hier eher enttäuscht. „Der Traum des Kelten“ wartet – obwohl der Erzähler auch alle Gedanken und Träume Casements kennt – eher dokumentarisch auf und daher ist es auch möglich und erlaubt, kritisch auf einige sachliche Ungereimtheiten und politische Interpretationen hinzuweisen.

Kapitalismus und Kautschuk

Die Plagen, denen ein Großteil der Einheimischen am Mittel- und Oberlauf des Kongos zum Opfer gefallen waren, hießen Habgier, Grausamkeit und Kautschuk, es war die Unmenschlichkeit des Systems und die erbarmungslose Ausbeutung der Afrikaner durch die europäischen Kolonialherren“ (Seite 78).

Dreihundert Seiten lang erzählt Vargas Llosa von Ausbeutung, Folter und Tod im Kongo und in Peru. Der Erzählstil setzt auf ein emotionales Einvernehmen mit den Lesenden und er erzeugt Zustimmung der Lesenden. So ist „man“ dann irgendwann froh, dass die mit so viel Mühe und Gefahren erstellten Berichte zu einem als gerecht empfundenen Erfolg führen. Leopold II. gerät demnach so sehr in die Kritik, dass er 1908 den Kongo-Staat an den belgischen Staat verkaufen „muss“ und die Zwangsarbeit abgeschafft bzw. eingeschränkt wird. Die Peruvian Amazon Company geht sogar bankrott.

Hier wartet Vargas Llosa nun mit verblüffenden Pointen auf. Folgt man Vargas Llosa, dann handelte die britische Regierung aus humanitären Überlegungen, als sie Casement beauftragte, Berichte für die britische Regierung über den Kautschukabbau im Kongo und in Peru zu erstellen. Kein Wort verliert Vargas Llosa darüber, dass die Berichte vor allem dem Zweck dienten, die belgische und peruanische Konkurrenz auf dem Kautschuk-Weltmarkt zu verdrängen – zugunsten des Plantagen-Kautschukanbau in den britischen Kolonien Asiens.

Nachdem der Peru-Bericht mit den Anklagen gegen die Peruvian Amazon Company zunächst folgenlos bleibt, beschlossen die britischen Behörden, nach Vargas Llosa,

entschieden gegen die Peruvian Amazon Company vorzugehen, und wollten die Vereinigten Staaten dazu bringen, sich anzuschließen, um gemeinsam bei der peruanischen Regierung Protest wegen ihrer mangelnden Bereitschaft einlegen zu können, den Forderungen der internationalen Gemeinschaft nachzukommen“ (Seite 309).

Forderungen der internationalen Gemeinschaft“? Vargas  Llosa definiert England und die USA ganz nebenbei zur interventionsberechtigten internationalen Gemeinschaft um, deren warmherzigen moralischen Forderungen eigentlich niemand widersprechen kann, zumal sie ja (weder damals noch heute, möchte man spöttisch bemerken) eigene Interessen verfolg(t)en.

Auch wird die Berliner Kongo-Konferenz (besser: Afrika-Konferenz) ausgeblendet (von zwei irrelevanten Nebenbemerkungen auf den Seiten 35 und 41 abgesehen), in der 1884/85 die Vertreter der 14 damaligen Weltmächte “im Geiste guten gegenseitigen Einvernehmens” sich über die weitere koloniale Aufteilung und Ausbeutung Afrikas verständigten und den Kongo-Staat zum Privatbesitz Leopolds II. erklärten – Handelsfreiheit für alle vorausgesetzt. Nicht die Verstöße gegen Menschenrechte (wie es bei Vargas Llosa fortgesetzt heißt), sondern die Beschränkung der Handelsfreiheit lösten die Proteste der europäischen Staaten gegen die Leopoldsche Selbstbereicherungsstrategie aus. Das Thema “Handelsfreiheit im Kongo-Staat” beschäftigt nicht nur die internationale Politik, sondern geht hinunter bis zur Handelskammer Dortmund, die sich mehrfach dem Thema widmet und entsprechende politische Bestrebungen wohlwollend unterstützt. Die Kongogräuel sind dabei kein Thema.

Dass der Bankrott der Peruvian Amazon Company vor allem durch die „zunehmende Konkurrenz, die durch die einsetzenden Importe aus den britischen Kolonien in Asien – Singapur, Malaysia, Java, Sumatra und Ceylon – entstanden war“ (Seite 319, Java und Sumatra waren übrigens keine englischen sondern niederländische Kolonien!), führt Vargas Llosa nur nachrangig an. An anderer Stelle steht, dass der Bankrott durch den „durch die asiatische Konkurrenz verursachten Preisverfall des Kautschuks aus dem Amazonasgebiet“ ausgelöst wurde (Seite 324). Wieso eigentlich „asiatische Konkurrenz“, da es sich doch um britische Unternehmen in britischen Kolonien handelte? Schließlich gelangt Vargas Llosa aber zur bemerkenswertesten Aussage für die Gründe des Bankrotts, nämlich: Der Beschluss europäischer und amerikanischer Importeure,

keinen peruanischen Kautschuk mehr zu kaufen, solange eine unabhängige internationale Kommission nicht nachgewiesen habe, dass es keine Sklavenarbeit, Folterungen und Überfälle auf die Eingeborenenstämme mehr gäbe, die Latexsammler in den Kautschukstationen gerecht entlohnt und die in England und den Vereinigten Staaten gültigen Arbeitsgesetze eingehalten würden“ (Seite 325f).

Vargas Llosa stellt hier kurzerhand die Welt auf den Kopf: Schon 1910 konnte man demnach den Selbstregulierungsprozessen des aufgeklärten Kapitalismus vertrauen, in der Staaten und Importeure nicht nur keine wirtschaftlichen Eigeninteressen verfolgen, sondern im Gegenteil, sie sogar „gerechten Lohn“ und die Einhaltung der „gültigen Arbeitsgesetze“ fordern. Das ist absurd, wenn wir uns nur an die erbärmliche Arbeits-, Einkommens- und Gesundheitssituation der deutschen, englischen oder amerikanischen Arbeiter um 1910 erinnern. Vor allem aber: „Gerechter Lohn“, „gültige Arbeitsgesetze“, „unabhängige internationale Kommission“ und „internationale Gemeinschaft“  - allesamt Codewörter, die im historischen Kontext so gar nicht existieren, aber einhundert Jahre später auf perfide Art und Weise das Bedürfnis der nach Gerechtigkeit lechzenden Leserinnen und Leser befriedigen. Und die sich dann dankbar an die „Menschenrechts“-Interventionen Englands und der Vereinigten Staaten erinnern, aber nicht etwa an die zeitgleich stattgefundenen Raubzüge auf den Philippinen, im südlichen Afrika oder in Indien.

Von der heilen kapitalistischen Welt eines Vargas Llosa wäre es nur noch ein kurzer Schritt bis zum heilenden Kautschuk-Transfair-Siegel. Vargas Llosas Erzählung endet mit einem zweifachen Happyend: der (relativen) Niederlage Leopolds II. und dem Bankrott der Peruvian Amazon Company. Allein die Realität war eine andere: Die Zwangsarbeit im Kongo und in Peru endete nicht, so wenig wie die kolonialen und neokolonialen Strukturen abgeschafft wurden.

Henry Morton Stanley

Roger Casement nimmt bereits 1884 an „Expeditionen“ entlang des Kongo und seiner Nebenflüsse teil, die von dem berühmten Forscher Stanley geleitet und vom belgischen König finanziert worden waren. Auf Seite 37 – und 18 Jahre später – lässt uns Vargas Llosa in drei folgenden Sätzen an Gedankengängen von Casement teilhaben:

Roger (war) zu dem Schluss gelangt, dass der Held seiner Kindheit und Jugend tatsächlich einer der skrupellosesten Schurken war, die der Westen je auf den afrikanischen Kontinent losgelassen hatte.“

Was könnte man 125 Jahre später inhaltlich auch anderes über einen der größten „Erforscher Afrikas“ sagen, was nicht auch schon zeitgenössisch kritisch festgestellt wurde? Vargas Llosa verteilt die Rolle des/der Schurken und macht es den Leserinnen und Lesern emotional einfach, sich zustimmend auf die Seiten der Guten und Edlen zu stellen. Aber wieso eigentlich „der Westen“? Aus dem Blickwinkel Afrikas wäre richtiger: „der Norden“.

„Und trotzdem kam er, wie alle, die unter seinem Befehl gestanden hatten, nicht umhin, sein Charisma anzuerkennen, sein einnehmendes, faszinierendes Wesen und diese Mischung aus Draufgängertum und Kalkül, mit dem er sich auf seine abenteuerlichen Unternehmungen begab.“

Einer der skrupellosesten Schurken hatte ein einnehmendes, faszinierendes Wesen? Darüber ist man etwas erstaunt, zumal doch Casement sich rückblickend als „verblendet“ (Seite 36) darstellt wird und in Casements  – fiktiven? – Gesprächen mit Stanley ein komplett gegenteiligen Eindruck vermittelt wird. Das passt gar nicht zusammen. Und warum nun die Begeisterung für „Draufgängertum und Kalkül“ und für „abenteuerliche Unternehmungen“. Ist das Casement oder ist das Vargas Llosa?

Stanley „zog quer durch Afrika und säte dabei einerseits Tod und Verwüstung – plünderte und verbrannte Dörfer, ließ Eingeborene erschießen, zerfetzte die Rücken der Träger mit seiner Peitsche aus Nilpferdhaut -, bahnte jedoch gleichzeitig neue Wege für Handel und Christianisierung in riesigen Gebieten voller Raubtiere, Ungeziefer und Epidemien.“

Stanley war einer der skrupellosesten Schurken und das befähigte ihn, neue Wege für Handel und Christianisierung zu bahnen! So würde es Sinn machen. Aber bei Vargas Llosa mit seinem einerseits/andererseits klingt das etwas anders:  Stanley war zwar einerseits einer der skrupellosesten Schurken, aber andererseits bahnte er Wege für Handel und Christianisierung. Vargas Llosa wiegt - warum auch immer – ab und verschweigt uns dann das bilanzierende Ergebnis. Warum also nun der positive Verweis auf „Wege für Handel und Christentum“? Heiligt der Zweck die Mittel? Kreuzzüge, Cortez, Pizarro … Stanley … und ihre Nachfolger: Die höheren Ziele Handel und Christianisierung – gleichbedeutend für Zivilisation - rechtfertigen sie Tod und Verwüstung?

Übrigens: Schon die bürgerliche und religiöse Antisklavereibewegung in England in den 1880er Jahren wusste, dass auf Stanleys Erkundungszügen – wortwörtlich – ganz unmittelbar die Sklavenjäger folgten. Was nach Stanleys „Rekrutierungen“ noch übrig blieb, wurde Opfer der Sklaverei, die wenn man so will, erst in Stanleys Fußstapfen Einzug im Kongo fand. Die sozialdemokratische Presse nahm die Kritik auf und so hieß es dann auch in Dortmund am 02.04.1896 in der Arbeiter-Zeitung: “Stanley, die Kolonialbestie”.

Schwarze Passivität und weiße Helden

Bei so viel Unterdrückung und Qualen stellt sich die Frage, wie die Bevölkerung im Kongo und in Peru reagiert haben mag und wie ihr passiver oder aktiver Widerstand aussah. Vargas Llosa hat dazu eine Theorie, die er an exakt einer Stelle ausführt. Auf die Frage, warum die Eingeborenen in Peru nicht rebelliert hätten, lässt Vargas Llosa Casement erzählen:

Sie rebellierten aus denselben Gründen nicht wie die Kongolesen. Es gab wenige Ausnahmen von dieser Regel, lediglich selbstmörderische Versuche von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen. Denn in einem so unerbittlichen System der Ausbeutung wurde der Geist noch vor dem Körper zerstört. Die Gewalt, deren Opfer die Eingeborenen waren, brach ihren Willen zum Widerstand, ihren Überlebensinstinkt, verwirrte und verängstigte sie, verwandelte sie in bloße Automaten“ (Seite 215, der modern anmutende Begriff “Automaten” irritiert vielleicht, entspricht aber bereits einer zeitgenössischen Faszination).

Zum Beweis dieser These wird die Rebellion der Boras angeführt:

Der junge Bora-Häuptling Katenere hatte dort eines Nachts die Gewehre gestohlen, Bartolomé Zumaeta getötet, weil der einmal im Suff seine Frau vergewaltigt hatte, und war im Busch verschwunden. … Fast zwei Jahre lang blieb er unauffindbar.“ (Seite 216). Durch einen Verrat wurde das Versteck Kateneres entdeckt, er selbst entkam, aber seine Frau wurde gefasst. „Der Vorsteher Vásquez vergewaltigte sie höchstpersönlich vor aller Augen und steckte sie in den Fußblock. Mehrere Tage kauerte sie dort ohne Wasser und Nahrung, von Zeit zu Zeit wurde sie ausgepeitscht.  Bis eines Nachts der Häuptling erschien (…) kniete sich unterwürfig neben den Fußblock, in dem seine sterbende oder bereits tote Frau befestigt war. (…) Vasquez selbst stach Katenere mit einem Draht die Augen aus. Dann ließ er ihn gemeinsam mit seiner Frau bei lebendigem Leib verbrennen, in einem Kreis aus Indios der Umgegend.“

Eine Geschichte des „edlen Wilden“, der sich sinnlos opfert? Die „Eingeborenen“ sind – über Katenere hinaus – ausschließlich namenlose Opfer.

Im Widerspruch zur eigenen Theorie gibt Vargas Llosa allerdings auf der Seite 156 ein Gesprächsprotokoll von Casement mit Eponim Thomas Campbell, einem aus Barbados stammenden Aufseher in einer der Stationen von Putumayo, über „Treibjagden“ wieder:

Latex sammeln wollte ohnehin keiner. Man musste sie dazu zwingen. Die „Treibjagden“ bestanden aus langen, oft ergebnislosen Expeditionen. Manche Dörfer waren verlassen, wenn sie kamen, die Einwohner hatten die Flucht ergriffen. Aber zum Glück nicht immer. Dann schossen sie zur Einschüchterung um sich, damit die Indios sich nicht wehren würden, was sie aber dennoch taten, mit Pfeilschleudern und Knüppeln. Richtige Kämpfe waren das. Danach musste man alle, die sich zu Fuß fortbewegen konnten, Männer, Frauen und Kinder, mit Halsfesseln aneinanderbinden.“

„Richtige Kämpfe“ waren das also in Peru, die Bewohner flohen nicht nur, sie haben aktiv Widerstand geleistet. Sie waren keine „bloßen Automaten“, sie rebellierten, sie waren Akteure!

Auch im Kongo findet Casement verlassene Dörfer vor, „hört“ von Fluchten, aber es existiert kein Widerstand in der Welt von Casement – oder nur im Weltbild von Vargas Llosa? Ist das allein ein Quellenproblem? Adam Hochschild zeichnet für den Kongo jedenfalls ein gänzlich anderes Bild:

Mehr als ein Dutzend unterschiedlicher ethnischer Gruppen brachten gegen Leopolds Herrschaft nennenswerte Aufstandsbewegungen zustande. Der Kampf des Yaka-Volkes gegen die Weißen dauerte mehr als zehn Jahre, ehe es schließlich im Jahre 1906 unterworfen wurde. Die Chokwe kämpften sogar 20 Jahre und brachten Leopolds Armee schwere Verluste bei. Die Boa und die Budja mobilisierten mehr als 5.000 Mann in einem Guerillakrieg, den sie in den Tiefen des Regenwaldes führten“ (Hochschild, Seite 178).

Obwohl Vargas Llosa ganz offensichtlich umfangreich recherchiert hat, ignoriert er vollständig den Widerstand, aber auch wesentliche Elemente des weißen Herrschaftssystems. Bei Hochschild heißt es zum Beispiel:

Und so waren es Afrikaner, die das Gros der chicotte-Strafen an den Körpern ihrer afrikanischen Brüder vollstreckten. Für die Eroberer war dies in einer weiteren Hinsicht zweckdienlich, wurde doch dadurch unter den Besiegten eine Klasse von Aufsehern geschaffen (Kapos). So wie die Terrorisierung der Menschen ein Teil ihrer Unterwerfung ist, so gehört ebenso dazu, daß man jemanden dazu zwingt, den Terror auszuüben.“ (Hochschild, Seite 176).

Im Weltbild eines Vargas Llosa gibt es nur passive, namenlose Opfer. Die Menschen im Kongo als Akteure ihrer Interessen, sogar im bewaffneten Widerstand: Fehlanzeige. Das korrespondiert dann vielleicht auch damit, dass es für Vargas Llosa nur weiße Helden gibt (geben kann?). Schwarze Helden werden vergessen (?), zum Beispiel „George Washington Williams, ein schwarzer amerikanischer Journalist und Historiker, der etwas tat, das noch keiner vor ihm getan hatte, der nämlich Afrikaner nach ihren Erfahrungen mit den weißen Eroberern befragte“ (Hochschild). Für die frühe Menschenrechtsbewegung war der Bericht von Williams von größter Bedeutung. Oder ein anderer schwarzer Amerikaner, Missionar William Sheppard, der 1890 bis 1910 im Kongo wirkte und der mit seinen Berichten und Fotoaufnahmen den Völkermord an den Kuba dokumentierte. Oder Shanu, ein einheimischer Kaufmann, der unter Lebensgefahr Berichte an die Congo Reform Association weitergab (vgl. Hochschild).

„Der Traum des Kelten“ legt mit aufklärerischer Attitüde einige Schattenseiten des historischen Kolonialismus offen. Dafür wird der Autor in den meisten deutschsprachigen Rezensionen gefeiert, ganz so, als ob das Ausleuchten der Schattenseiten 100 Jahre später eine überaus respektable Leistung sei. Respektabel wäre, wenn Vargas Llosa sich ein Thema des Neo-Kolonialismus vorgenommen hätte (der Goldabbau im Kongo und in Peru böte sich da gut an!). Dass Vargas Llosa dabei in der historischen Einordnung mitunter falsch liegt, den westlichen Interventionismus durch die Hintertür feiert, „Handel und Christianisierung“ hochleben lässt und nahezu alle Formen des Widerstands der kongolesischen und amazonischen Bevölkerung ignoriert, geht unter. Eine weiße identitätsbildende Geschichtsschreibung für ein weißes Mittelschichtpublikum, das Gelegenheit erhält, mit seinem weißen Helden mitzufiebern, den (angeblichen) Erfolg der ersten europäischen Menschenrechtsbewegung zu feiern und in einem weiteren Sinne auch die eigene moralische Integrität - und ein klein wenig dann wohl auch die “aufgeklärte westliche Zivilisation”?

Wer einmal das Königliche Museum für Zentralafrika (Tervuren, Belgien) besucht, sieht, wie die belgische Kolonialgeschichte noch heute konstruiert wird: Exotische Kostüme, Maskentänze, Kunstgegenstände, Gedenktafeln für die weißen Pioniere, belgische Zivilisationsanstrengungen gegen Sklaverei und Krankheiten und Fotos jubelnder Kongolesen beim Besuch des belgischen Königs. Am Ende ist der Kongo – überraschend plötzlich! – unabhängig. Keine Antwort darauf, warum die Menschen denn nun eigentlich unabhängig werden wollten und in den großen schönen Ausstellungshallen kein einziger Hinweis auf die Millionen Kongolesen, die einem der größten Menschheitsverbrechen zum Opfer fielen. Mit Blick auf diese den Kolonialismus verteidigenden oder doch zumindestens verharmlosenden ”Geschichtsschreibung” ist es dann doch hilfreich, dass der Literatur-Nobelpreisträger die Kongogräuel wieder in Erinnerung ruft.

 

Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten, Suhrkamp, Berlin 2011

Literaturempfehlung:
Adam Hochschild. Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschenrechtsverbrechen. Stuttgart 2000 (achte Auflage, 2009)

 

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